THIS WAS SPARTA

Sonntag, 11. September, Oberndorf/Tirol – es ist soweit Matchday, crunch time, der Tag der Abrechnung oder einfach, kurz vor Startschuss zu meiner persönlichen Challenge 2016, dem Reebok Spartan Race in der Super Distanz.

Das Wetter könnte nicht besser und meine Laune nicht schlechter sein; sank doch in den letzten Tagen meine Motivation bereits rapide bergab, fand sie beim Anblick der ersten Hindernisse ihren bis dato neuen Tiefpunkt. Warum so ein langes Gesicht? Ich hatte tatsächlich ein wenig Angst, nicht Angst vor dem Rennen oder dem Scheitern etc. sondern Angst mich zu verletzen oder meinen aktuellen (nahezu perfekten) Zustand meiner Schulter zu ruinieren. Daher war ich in wirklich argem Zwiespalt mit mir selbst: Starten oder Kneifen?

Trotz meinem Gefühls- und Gedankenkarussells, erklärte ich mich letzten Endes bereit, an den Start zu gehen und alles soweit ich es für gut bzw. machbar hielt und unter Berücksichtigung aller gesundheitlichen Aspekte anzugehen. Andererseits wurde ich auch nicht müde, zu wiederholen, dass ich sobald sich meine Schulter verschlechtern würde, sofort das Handtuch werfen würde – ich sei ja schließlich schon groß.

Unsere Startwelle war auf 11 Uhr terminiert, d.h. wir mussten uns gegen 10:45 Uhr im Startbereich des Reebok Spartan Races einfinden; hierzu durfte man bereits über die erste Holzwand klettern – für zwei Personen vor mir, schon ein arges Hindernis. Ich sah meine Chancen steigen.

Dann schallten uns zu wilden Metal-Tönen auch noch die Stimme eines – sorry – nach aussen hin grenzdebil wirkenden Motivators? Fitnesscoach? Anheizer? – oder wie auch immer seine Jobbezeichnung heißen mag, entgegen. „Zeigt mir euer Warface“, „Spartaner machen keine Gefangene“, „Ihr müsst härter als der Schmerz sein“ , „Ihr Weicheier“ , „Lieber im Kampf sterben, als…blablabla“ plärrte es aus der Kehle des Robinson-Club-Animateur-Schulabbrechers. Genau mein Ding. (…aber hier haben es alle Massenveranstaltungen bei mir echt schwer!)

Mit einem letzten offiziellen Sparta-Schlachtruf „AROO“ fiel dann auch der Startschuss und los ging der ganze Spaß. Ich versuche euch hier – soweit ich mich erinnern kann, einen (möglichst kurzen) Streckenablauf/abriss zu schildern, kann aber unmöglich auf alles detailliert oder in vollem Umfang eingehen, da ich sonst morgen noch schreiben und ihr übermorgen noch lest. Also los:

Startschuss, nach den ersten 5 Schritte rein in den ersten hüfthohen Wassergraben, um einen kleinen feuchten Vorgeschmack zu bekommen, was wenig später folgen sollte. Über einen leichten Anstieg geht es hinaus zum Oberndorfer Kieswerk. Hier warten die ersten Holzwände auf uns, von brust-, bis etwas über kopfhoch ist hier alles dabei. Keine 50m später die nächsten Holzwand-Serie, diesmal einmal obendrüber im Wechsel mit einmal unten drunter – dass bringt den Kreislauf in Schwung. Die letzte Holzwand ist dann doch schon einen Ticken höher, ich drücke mich hoch, stelle fest, dass ich dass – warum auch immer – automatisch mit der linken Schulter zuerst löse. Sehr klug, selbige fühlt sich nämlich überhaupt nicht gut an. Verdammte Axt – wir haben gerade einmal 10 min. auf der Uhr. Egal, weiter. Wo ein Kieswerk, da auch ein Steinbruch, laufend und abseilend bewegen wir uns in die Tiefen der Abbruchstellen. Quietschende Stimmen und lautet Rufe sind zu hören, wir laufen um eine Felswand und wissen sofort, die Ursache dieser Stimmungsausbrüche. Baggersee. Durchschwimmen. Jetzt. Auf die Frage, wieviel Grad der See denn hätte, grinst der Streckenposten/Feuerwehrtaucher und klärt uns auf, irgendwas zwischen 11 und 13 Grad. Na Servus. Durch kraulen, zappeln wie ein Hund, strampeln, Schnappatmung, scheiße ist das kalt fluchen, erreichen wir das andere Ufer. Dass erste Mal fallen im nahen Umfeld Sätze wie, „Warum machen wir das eigentlich?“. Wir laufen die Geröllfelder nach oben, um wieder warm zu werden, aber bereits nach 100m heißt es, füllt diesen Eimer mit Kieselsteinen und tragt in einmal vor euch her auf einem ca. 200m langen Rundkurs. Direkt gefolgt von, nehmt dieses Eisengewicht und zieht es durch einen ähnlichen Rundkurs aus feinem Sand hinter euch her. Äh, wem war gerade noch kalt? Klitschnass vom Wasser, schwitzend dank der Anstrengung und mit rasendem Puls geht es weiter die Hänge des Steinbruchs nach oben. Erneut lohnte sich das loslaufen kaum, denn eine Kurve später war das Motto, zieht ein Gewicht an einem Seil mit den Händen in ca. 5 m Höhe, danach lasst es wieder ab und setzt es sanft auf dem Boden ab. Mit der richtigen Technik kein Problem!

Übrigens, wer ein Hindernis auslässt, verweigert oder daran scheitert, für den hagelt es eine saftige Strafe, es warten immer 30 Burpees auf den Unglücksraben. Ein Burpee ist übrigens eine Kombination aus einer Liegestütz und einem Streckensprung; viel Spaß beim Testen.

Weiter im Laufschritt; es folgt eine erste lange Laufetappe bergauf in Richtung der Almwiesen oberhalb des Start- und Zielbereiches. Ein Blick auf meine Laufuhr – ich rechne jeden Moment mit dem Zieleinlauf zumindest gemessen am körperlichen Zustand – lässt mich fast stoplern: 1.7 km! Ach du lieber Himmel, dass kann ja noch was werden. Immerhin ist doch die Super-Distanz auf 12+ Kilometer angesetzt.

Wofür dieses plus steht, ist übrigens eine der „tollen“ Überraschungen bei einem spartanischen Hindernisrennen.

Endlich am aktuell höchsten Punkt angekommen, wartet eine ganz besondere Aufgabe auf uns, Speerwerfen. Im Vorfeld hatte ich bereits vernommen, dass diese Aufgabe nahezu nicht zu schaffen ist, denn wann hatte man auch zuletzt ein Speer in der Hand? Ich müsste ein wenig überlegen. Machen wir es kurz, wir haben alle Burpees machen müssen/dürfen – und zwar wirklich alle; ich habe niemanden gesehen, der es geschafft hätte, den Speer so zu werfen, dass er in der Strohpuppe stecken bleibt. Sei es drum, auch diese 30 Stück gingen rum – meine Schulter pochte und mir war klar: Ab jetzt gilt es möglichst keine Strafen mehr zu kassieren.

Zum Glück war nun mit einer längeren Laufetappe – die einzig und allein von einer riesigen Holzwand gestört wurde – Zeit zum Erholen angesagt. Querfeld- und querwaldein ging es durchs Oberndorfer Umland, wir wurden durch Bäche und riesige Sumpflöcher gejagt und durften Autoreifen durch knietiefen Schlamm tragen, alles weniger wild. Einzig eine zu kletternde Gerüstüberquerung einer Straße ließ ein etwas komisches Gefühl auf kommen – nasch und voller Schlamm ungesichert auf rutschigen Eisenstangen in einer Höhe von 4 Metern über dem Teerboden umherturnen, ist dann eben doch nicht Alltag; geschweigedenn ungefährlich. Da ist das folgende vertikale Seil-Spinnennetz ein Kinderspiel an Kletterei – nebst Action ist ab und zu aber auch Konzentration gefragt, aber auch das Balancieren über ca. 50 cm hohe Holzpfähle stellt kein Problem dar. Weiter über Forstwege hinab auf die Teerstraße und zur nächsten Trinkstation, die geruchsneutral neben einem bäuerlichen Misthaufen und vor einem Kuhstall aufgebaut war – dementsprechend kurz war unsere Aufenthaltszeit. Kaum hatte man den Becher Wasser hinuntergestürzt, wartet auch schon eine Slackline auf uns Wochenend-Spartaner. Na super, dass schreit wohl nach Burpees für mich. Aber plötzlich ergreift eine halbnackte Tirolerin mit Rosentattoo meine Hand und wir balancieren gemeinsam ohne Fehler über die wackelige Angelegenheit. Ich bleibe etwas verdutzt über das gerade Geschehene stehen, und sehe ihr nach. Übrigens muss ich meinen ersten Eindruck etwas korrigieren, das vermutete „Halbnackte“ löste sich als funktionell praktischer Sport-BH samt passendem Mini-Sporthöschen auf; leider…

Weiter geht es in Richtung des Kitzbühler Horns auf diversen Feldwegen und es werfen sich direkt zwei Fragen auf, Nr. 1 müssen wir etwa auf das Horn laufen und Nr. 2 zwischen uns und dem Horn liegt die Kitzbühler Ache, von einer Brücke ist aber weit und breit nichts zu sehen. Da grinst uns auch schon einer der Streckenposten an, bitte einmal selbstständig den Fluß durchqueren. Fuß rein ins Wasser und los – dass man dabei fast erfriert ist erstmal nebensächlich. Am anderen Ufer angekommen, heißt es dann in einem Regenwasser-Ablauf ca. 2km im knöchelhohen Wasser bergauf zu laufen. Zum Glück kommen im 200m Takt kleine Brücklein, d.h. auf die Knie, unter der Brücke auf allen Vieren durch und weiter – das bringt den Puls zu ungeahnten Ausschlägen und lässt einen fast vor lauter Hecheln auf die eigene Zunge treten. Es folgen weitere nasse Späße wie Abflussrinnen durchklettern, Bachbett nach oben laufen, Holz- und Seilklettergerüste überwinden, bis es dann endlich heißt, raus aus dem Bach und wieder rein in den Wald. Willkommen auf der „Spreu vom Weizen trennen“-Strecke, es geht auf einem kleinen Trampelpfad nahezu senkrecht nach oben in Richtung Kitzbühler Horn. Ich überhole bestimmt mehr als 40 Mitstreiter, die sitzend, liegend oder heftig schnaufend am Hang im Unterholz kauern. Brutale Einheit; gut, dass ich doch ein „Kind“ der Berge bin – hier kann ich richtig Tempo machen.

Der Wald lichtet sich und man steht am Fuße einer Skipiste – sofort wandert der Blick nach oben und man wird nicht enttäuscht, der Aufstieg geht weiter. Die Müllneralm soll aber angeblich der höchste Punkt der Strecke sein. Apropos Strecke, bevor ich wieder bergauf laufen darf, gilt es eine Holz-Boulderwand und meine neue Lieblings-Hassdisziplin namens „unter Stacheldraht bergauf robben“ zu bewältigen. Danach kämpfe ich mich die letzten Meter zur Müllneralm empor, lasse mich in den Rasen fallen und brauche einige Minuten um mich kurz zu sortieren, wer bin ich, wo bin ich und bekomme ich genügend Luft um ein Weiterleben garantieren zu können? Ein netter Helfer bietet an, mich einmal von oben bis unten mit dem Gartenschlauch zu wässern, ja bitte…

Dann geht es endlich an den Abstieg, adieu Bergauf-Etappen, hier verliere ich leider enorm an Zeit, da meine alten und vom Skifahren lädierten Knie nicht mehr in der Lage sind, bergab zu laufen, ich muss diese Etappe gehend lösen. Nur bergab wäre allerdings zu einfach, bis man wieder im Flachen ankommt, warten (natürlich) einige Prüfungen auf alle Teilnehmer. Es dürfen 20 kg schwere Eisenketten zunächst bergauf, danach bergab durch ein kleines Sumpfgebiete getragen werden, des Weiteren warten Holzstämme als Balance-Akt auf einen, soweit eine weitere endlose Etappe des Regenrinnen-Laufen-und-Kriechens, wie man es schon vom Aufstieg her kannte. All das endete auf einem Feld vor einem Bauernhof,galt es, eine medizinballgroße Steinkugel anzuheben, ca. 30m weit zu tragen, 5 Burpees zu machen und die Steinkugel zurück an ihren angestammten Platz zu bringen. Danach Trinkpause mit ersten Anzeichen von „mir langt es langsam“ und der Feststellung, dass  meine inneren Reserven durchwegs knapp werden.

Entlang der  Kitzbühler Ache laufen wir dann in Richtung des Zielgeländes, dass grinsende Gesicht eines Helfers am Ufer bedeutet nichts Gutes bzw. endlich wieder nass zu werden. Also kurzerhand wieder die Ache durchquert und mit letzter Power in Richtung des Zielgeländes gesprintet.

Ab jetzt kommt es knüppeldick – Hindernisse im Abstand von 5 Metern. Den Auftakt macht ein freihängendes Seil, wer nach oben klettert, die Glocke läutet, darf ohne Strafburpees weiter; ich lächle und gehe direkt auf den Boden und beginne mit meiner „Strafarbeit“. Seilklettern konnte ich damals kurz nachdem Krieg in der Grundschule schon nicht.

Es folgt ein riesiges Holzhindernis, welches sich aber überraschend problemlos überwinden ließ, danach wartet dann mein persönlicher Angst-Endgegner in Form der Monkey-Bars. Ein Hindernis, dass aus mehreren Eisenstangen, Ringen und Griffen besteht, an dem es gilt, sich – wie ein Affe eben – entlang zu hangeln. Selbiges traue ich meiner Schulter nur mit einer 50/50 Chance zu. Aber anders als beim Seilklettern will ich dieses Hindernis zumindest versuchen. Ich springe, ziehe und hangle mich von Griff zu Griff, klatsche an der Glocke ab und starre ungläubig auf meine Hände. Geschafft; und zwar problemlos. Wow.

Über das Seil-Spinnennetz im Anschluß kann ich mttlw. nur müde lächeln, wobei müde mehr zutrifft als lächeln. Aber was müssen meine Augen erblicken, erneut dürfen wir auf den Boden, um unter Stacheldraht entlang zu robben. Damit nicht genug, die Strecke ist ewig und steht ab der Hälfte unter Wasser, bzw. unter Schlamm. Das wird eine schmutzige Angelegenheit. Ich kämpfe mich, Kopf und Hintern möglichst unten haltend durch den Morast-Schlamm-Mix, bewege mich mehr schlecht als recht von der Stelle, muss immer wieder pausieren und bin vom Bart abwärts komplett im braun-beigen Ekel versunken. Irgendwann ist es dann doch geschafft, mit letzter Kraft gilt es nun 3 Schlamm-Erdwälle mit nachfolgenden Wasserlöcher zu überwinden, eine schräge stets gewässerte Holzwand nach oben zu klettern und ein riesiges finales Seil-Klettergerüst zu überwinden – denn danach…..ist endlich Schluß. Ein beherzter Sprung über den Feuergraben und man steht im Ziel, optisch erinnert man an den Hauptakteur eines Fäkalpornos, körperlich fühlt man sich nicht mehr anwesend – dennoch legt einem eine herzlich lächelnde Helferin die wohlverdiente Medaille um den Hals. Geschafft. Geil.

Ab diesem Zeitpunkt, darf ich mich nach 18 gelaufenen Kilometern, 1.200 bewältigten Höhenmetern, einer irrsinnigen Anzahl an Schikanen und 4 Std. nach dem Startschuss auch endlich als Spartaner bezeichnen. Aber um ehrlich zu sein, bin ich viel zu kaputt um das zu realisieren – auch ein letztes lautstarkes AROO will mir nicht entfahren, ich habe im Ziel nur Augen für Bananen, Müsliriegel und Trinkbares mit Geschmack. Zum Glück ist all dies in rauen Mengen vorhanden und das „karge“ Rennleben meines Ausfluges in die Antike hat ein Ende.

Dachte ich zumindest, denn als ich mich einigermaßen erholt hatte, folgte ich dem Schild mit der Aufschrift Duschen, um wieder zurück in die Welt der Menschen zu kehren. Als sich die erhoffte Dusche aber als einige Gartenschläuche entpuppte, die ungefähr von ca. 50-60 Rennabsolventen belagert wurden, war es beinahe erneut mit meiner Laune zu Ende. Ich war nur zu erschöpft, um massiven Protest zu erheben, schweigend zog ich mich aus und gesellte mich zur schmutzig stinkenden Menschentraube und hofft auf ein paar Spritzer Eiswasser aus dem Schlauch.

Was bleibt als Fazit? Unterschiedlich; denn direkt danach, war mein einziger Gedanken: einmal und nie wieder…Und warum wurden wir eigentlich so verarscht? 18 Kilometer sind doch nicht das, was man bei einer Ankündigung von 12+ erwartet. Aber sei es drum, heute – eine Woche später – erwische ich mich immer wieder beim Abwägen der Überlegung, im nächsten Jahr erneut zu starten. Wir werden sehen was passiert.

Jetzt möchte im mich noch herzlichst bei einigen Menschen bedanken, die die letzten Monate sowie das Event selbst ermöglicht haben: Danke Anneke von Reebok fürs an mich (uns) glauben, Danke Susan vom Altheimer Eck für den unermüdlichen Einsatz an meiner Schulter, Danke Christian von yourbodyisyourmachine für die Motivation und das Training, Danke an alle Mitläufer des Teams #shoulderpain, sowie Danke an Reebok Deutschland und BUFF Headwear für die Unterstützung.

Auch allen Gratulanten, Motivatoren, Mitfieberern und Daumendrückern ein herzliches DANKE.

 

Now off to canada for some #freedominthewild
R. 

Ps: Sorry, mehr Bilder gabs leider nicht – ich war „beschäftigt“.

 

Wissenswertes aus dem Vorfeld:
Teil 1
Teil 2
Teil 3

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