HAHNENKAMM-WOCHE

Die Unterschiede könnten größer nicht sein. Ich spreche von den Gegebenheiten meines vorweihnachtlichen Ski-Trips nach Georgien im Vergleich zum jüngsten Ausflug in die – gefühlte – Münchner Partnerstadt namens Kitzbühel.

Wünschte man sich vor ein paar Wochen noch ein kleinwenig „Luxus“ in Form von Wasser, Wärme oder ähnlich Banalem, muss ich in – dem zum vierten Mal als „Bestes Skigebiet der Welt“ ausgezeichneten – Kitzbühel feststellen, dass die Uhren hier luxustechnisch doch etwas anders gehen. Zumindest bei den doch zumeist in irgendeiner Art prominenten oder gutbetuchten Gästen der Stadt. Apropos Uhren, auf der Skihütte bin ich tatsächlich der Einzige ohne Rolex am Handgelenk – bisschen lustig aber eben auch ein bisschen bezeichnend. Jaja, ich weiß, man kann es mir aber auch nicht recht machen.

Aber beginnen wir die Geschichte doch von vorne; Mittwoch in aller Früh breche ich auf, um mich zeitnah zur Hahnenkamm-Rennwoche im Herzen Tirols in besagtem Kitzbühel einzufinden. Bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein springe ich vor dem Tourismusbüro aus dem Auto und werde bereits mit den Worten „Hey, schön, dass du da bist, hier ist deine Allstar-Card(und einem Kaffee) begrüßt; oh ja, so mag ich das. Ein Skipass für über 25 Skiregionen – unfassbar. Das bedeutet im Umkehrschluß, dass ich jetzt quasi alle Skigebiete der Kitzbüheler Alpen auf meinen eigenen Spuren – dank der sommerlichen KAT-WALK-Begehung – verfolgen und befahren kann.  Daher ist mit dem Aushändigen der „Mutter aller Skipässe“ völlig klar: mein Zeitplan muss neu strukturiert werden. Abfahrtstraining hin – Abfahrtstraining her, ich werde so schnell es geht Skifahren und das Hahnenkamm-Gebiet erkunden gehen (müssen!).

Schnell im – weit ab vom Trubel entfernten – Hotel im Kitzbüheler Vorort Reith eingecheckt, in die Skiklamotten gehüpft, wieder losgefahren und den letzten Parkplatz in der Tiefgarage der Hahnenkamm-Bahn erhascht. Yeah, läuft. (naja gut, kostet auch je halbe Stunde 2€) 

FunFact:
Jeder Skirennläufer, der in einer der am Hahnenkamm ausgetragenen Disziplinen einen Sieg davon trägt, erhält eine „eigene Gondel“ am Seil der Hahnenkamm-Kabinenbahn. Dies bedeutet, eine ab diesem Zeitpunkt ständig in Betrieb stehende Gondel ist mit dem Siegernamen, der Jahreszahl, der Landesflagge und der gewonnen Disziplin beklebt und befördert Touristen, Bergsteiger und Skifahrer nach oben.

Ich sitze in der „Dominik Paris, 2013, Italien, Abfahrt“ Gondel – bisschen witzig im Nachhinein.

In der Bergstation angekommen mache ich mich bei mehr als perfekten Bedingungen sofort auf den Weg in Richtung Pengelstein, denn für dort habe ich einige Insider-Tipps bekommen. Das erklärte Ziel: unverspurter Tiefschnee abseits der Pisten. 3 Stunden später rutsche ich mit einem riesigem Smile im Gesicht, einigen sensationellen Runs und mttlw. wackeligen Beinen zurück in Richtung des Starthauses der Streif. So kann ich wenigstens noch ein paar Blicke auf die spektakulärste Skiabfahrtsstrecke der Welt werfen, welche sich laut der Fahrer in diesem Jahr im „perfektem Zustand“ befindet. Ich persönlich würde hier allen Athleten gerne Recht geben, denke aber, dass es sich bei deren Aussagen, um ein Missverständnis handeln muss, denn Schlittschuhe ja, aber Ski? Auf gar keinen Fall. Ich kann mein eigenes Spiegelbild im „Schnee“ an der Absprungkante der Mausefalle (ein ca. 80m weiter Sprung auf der Strecke) sehen. Irrsinn, bzw. Eis Eis Baby.

Tag 2, heute steht erneut Abfahrt- bzw. Eislauftraining auf der to-do-Liste aller am Samstag startenden FIS-Rennläufer. Diesmal werde ich meine journalistische Pflicht erfüllen und mir das Training ansehen. Die Autofahrt von Reith nach Kitzbühel dauert exakt 7 Minuten. 7 Minuten voller blauem Himmel, strahlendem Sonnenschein und einem aus den Augenwinkeln fast leerem Parkplatz am Fuße der Fleckalmbahn… Hmmm.

Wenig später sitze ich grinsend in der Bergfahrt-Gondel; und rechtfertige mich vor mir selbst: „Ach komm, Training – pfffff, selber fahren ist doch eh besser als nur zukucken.“

Was mit der Auffahrt im Nostalgie-Göndelchen beginnt, dehnt sich über das komplette Skigebiet Kitzbühel-Kirchberg aus und hält satte 54 Befördungsanlagen für mich bereit – da habe ich heute einiges vor. Ich mache mich erneut in Richtung Pengelstein auf, schwebe dann mit der 3S Seilbahn hinüber zum Jochberg und nehme die ersten Tree-Runs mit. Direkt nochmal. Und nochmal. Dann geht es weiter zum Bärenbadkogel, mit dem großen Ziel, die weiten und freien Off-Piste-Hänge von Pass Thurn möglichst „schnell“ zu erreichen. Aber bereits auf dem Weg fallen meine Augen auf den kleinen Rettenstein und seine Ausläufer bzw. die umliegenden weniger schroffen Berge – schnell ist ein Lift als Zubringer auserkoren und die nachfolgende Hangquerung (inkl. mehrmaliger Schnappatmung) gemacht. Vor mir, liegt ein unberührter Nordhang mit (lediglich) 200-300 hm – aber egal, Spaß ist es allemal – ich schieße hin und der eiskalte Schnee schießt mir ins Gesicht. Volltreffer. Mit Lightspeed jage ich unten aus dem Bachbett hinaus und stehe schnaufend und pfeifend direkt wieder am Lift. Diese Routine wiederhole ich die nächsten 2,5 Stunden, bis mich leider ein übersehenes Felsband zu einer unfreiwilligen Kletterpartie zwingt. Aber es ist eh gut jetzt, denn kräftemässig bin ich durch, meine Beine können selbst beim Sessellift fahren nicht mehr entspannen. Zeit für die Rückkehr zum Parkplatz und dann heißt es: Sauna is calling.

Freitag, Renntag Nr. 1. Wer von Kitzbühel oder dem Hahnenkamm-Rennen spricht, meint in den meisten Fällen aber rein die Herren-Abfahrt, kurz die Streif. Trotz der Königsdisziplin, ist und bleibt mein persönlicher Favorit aber die immer auf den Freitag datierte Austragung des Super-G. Hier finden sich mit 10-20.000 Menschen vergleichsweise wenig Menschen an der Rennstrecke ein, und das Gedränge und die hohldrehenden Massen halten sich in Grenzen (bei der Streif waren es in diesem Jahr über 50.000 Zuschauer live vor Ort).

Start ist um 11.30 Uhr, dennoch befinde ich mich bereits gegen 10 Uhr vor Ort, denn schließlich will ich dem Rennen nicht im Zielbereich beiwohnen, sondern beziehe wie bereits im Vorjahr Position in der Nähe der Hausbergkante. Warum? Zumal ist man dort droben fast alleine, hat aufgrund der Hangneigung und dem damit verbundenen Fehlen der Fangnetze freien Blick auf die Strecke und ein grandioses Panorama gibt es als Zuckerl gratis dazu. Kurzum, das ist mein Lieblings-Foto(secret)spot.

Allerdings hat „mein Standplatz“ auch seinen Preis, denn der Kampf hinauf durch den Schnee, über die Eisplatten, hindurch durch den Wald und das entlang hangeln am Jägerzaun verlangen einem so einiges ab. Und der Aufsteig dauert ein wenig! Die Tatsache, dass ich aufgrund der Temperaturen (ca. -8 bis -10 Grad) angezogen bin wie ein New Yorker auf Island-Rundfahrt, macht die Sache nicht leichter. Immerhin ist mir alles außer kalt.

Dann folgt auch schon das übliche Programm, Vorläufer, Musik, Österreicher-sind-die-Besten-der-Welt-Moderationen sowie Fallschirmspringer- und FlyingBulls-Show geben sich ein Stelldichein.

Kurz darauf schießen die ersten Athleten über die (Eis-)Piste; eine immer wieder brachiale Demonstration, was Mensch und Material abverlangt werden kann. Schier hoffnungslose Situationen retten hier die Rennläufer auf nur einem Ski oder in Körperpositionen, die man sonst nur von einer Handvoll indischen Yogis im Endstadium sieht. Mehr Respekt geht einfach nicht.

Als der österreichische Sieg dank Matthias Mayer dann unter Dach und Fach ist, gibt es weder für den Moderator, noch für die anwesende Fangemeinde kein Halten mehr. Wer um 9 Uhr noch das erste Frühstücks-Gösser verweigert hat, steht spätestens jetzt am Bierstand.

Zeit zu gehen. Denn Kaiserschmarrn ist mein Getränk. 

Samstag oder besser gesagt: Showdown in Kitzbühel. Ab 9 Uhr morgens ist die Stadt ab dem Ortsschild für 24 Stunden für Autos, Busse und allen anderen Fortbewegungsmitteln ausnahmslos gesperrt und dennoch geht es bereits zu, als gäbe es hier das größte Festival aller Zeiten zu sehen… Moment, gibt es mit der Streif ja auch. Was bedeutet das für mich? Schnell weg hier. Für viele unverständlich, wie ich mir diese „Party“ entgehen lassen kann, für mich gilt hier wieder einmal: Lieber selber fahren, als nur zusehen. Und apropos Party, am Vorabend hatte ich die Ehre eine Einladung für die legendäre Weißwurstparty im nicht minder bekannten Stanglwirt zu erhaschen. D.h. in Sachen Party hatte ich Kitzbühel bereits von seiner besten (und schwer zu toppenden) Seite erlebt. Daher überlasse ich mein Streif-Ticket einer Freundin – der Betreiberin des Bergseensucht-Blogs – und fliehe zur Verwunderung aller in Richtung St. Johann/Tirol zum Skifahren. Allstar-Card ich liebe dich!

„Meine“ Version der Hahnenkamm-Rennwoche ist somit Geschichte.
Für Kitzbüheler Verhältnisse habe ich erbärmlich wenig Party gemacht, war konstant viel zu nüchtern, habe zuviele Rennen ignoriert und höchstwahrscheinlich auch viel zu wenig Geld ausgegeben… Für meine persönlichen Verhältnisse, war es allerdings eine unfassbar gute Zeit, mit bestem Wetter, genialem Schnee, nahezu leeren Skigebieten, einem grandiosen Abend im Stanglwirt, einer Wahnsinns-Super-G-Show und einem last but not least brutalen Marcel Hirscher, der am Sonntag den Ganslerhang in Grund und Boden gefahren hat.

Hey ho, Austria let’s go… (In Schladming darf aber dann ruhig der Felix wieder gewinnen!)

Wenn mich wer sucht? #iamskiing
R. 

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