MITTENWALDER HÖHENWEG

„Hammer-Tour“
„Einfach aber lang“
„…ein absolutes Muss“
„Abstieg aus der Hölle“

So und so ähnlich lesen sich die Vorschußlorbeeren für den Gratklettersteig durch bzw. über das Herz des Karwendels. Meine Freude steigt, während ich bereits morgens mit den ersten Sonnenstrahlen im Auto sitzend in Richtung Mittenwald jage. Heute könnte wirklich ein perfekter Herbsttag werden, Sonne, blauer Himmel, wenig Leute und eine Genußtour in den heimischen Bergen.

Am Parkplatz der Karwendelbahn springe ich aus dem Auto und gehe nochmal kurz mein Equipment durch:

  • Helm
  • Klettersteigset samt Sicherungsexpresse
  • Handschuhe
  • Getränke und Müsliriegel
  • Regenjacke & Wechselshirt
  • Kopfbedeckung
  • Erste Hilfe Set

Perfekt, alles da, wo es sein soll. An der Kasse der Talstation der Karwendelbahn trifft mich dann kurzzeitig fast der Schlag, verbucht sich doch mittlerweile eine einfache Bergfahrt mit 23€ in meinem Geldbeutel. Aber gut, was solls – die Tour ist inklusive der Seilbahn-Benutzung schon mit ca. 6.30 Stunden angesetzt, da muss ich nicht noch 3-4 Stunden Aufstieg dranpacken. Ich bezahle und steige in die Gondel. In Windeseile ist man nach durchaus spektakulärer Fahrt an der Bergstation, einatmen, austamen… herrlich kalte Bergluft. Traumhaft. 

Zum Einstieg in den Klettersteig der Klasse B/C gelangt man in eine 10-15minütigen Fußmarsch rund um den Kessel der Bergstation. Bereits hier gibt es die ersten Panorama-Weitblicke zu bestaunen, die mich kurz überlegen lassen, ob ich nicht einfach eine der Holzbänke für die nächsten 6 Stunden besiedeln sollte, nur um nichts weiter zu tun, als in die Ferne zu starren.

Schnell ist dieser Gedanken verworfen, schließlich will ich ja etwas (mehr) erleben.

Am Anseilplatz zwänge ich mich in den Klettergurt, checke das Material und zurre alle Gurte fest. Passt, sitzt, wackelt und hat Luft, los gehts. Die erste Passage ist mit einem deutlichen A als Schwierigkeit einzustufen, dennoch ist gleich klar, zwei Dinge sind hier ein absolutes Muss und zwar ohne wenn und aber: Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Wir sich hier weniger als ein 100%iges „Ja, bin ich“ zu sortiert, dem sei gesagt: Lasst’s es bitte blei’m. 

Eine kleine – mental eklige – Herausforderung wartet dann aber doch bereits nach wenigen Metern, ein herausgebrochener Haltebolzen (bzw. der gesamte Fels drumherum) fehlen. D.h. das Führungsseil, in denen man seine Sicherungskarabiner einhängt, hängt durch wie eine zu lang gekochte Spaghetti und der aufgrund der fehlenden Fels ebenso fehlende Tritt, ist nur noch ein steiles kleinkörniges Geröllfeld. Folgt man selbigem mit den Augen, geht es hier doch schnell sehr weit hinab. Hier heißt es, das Seil kräftig anpacken, zu sich heranziehen, mutig ins Geröll treten, zwei schnelle Schritte machen – und zack, der Kopf ist wieder frei, denn man steht sicher am anderen Ende. Übrigens, wem diese Stelle schon zuviel ist, sollte auch dieses Zeichen erkennen: Lasst’s es bitte blei’m.

Danach folgen einige erste kurze Eisenleitern und eine schöne Grad-Überquerung der nördlichen Linderspitze. Es folgt eine der vielen Gehpassagen, die immer wieder als Erholungsphase in den 3 km langen Steig integriert sind. So wandert man leicht bergab über das Gatterl, kreuzt kurz den Heinrich-Noe-Steig und steigt in die grosse Leiterkombination auf die mittlere Linderspitze ein. Von dort oben quert man dann in typischer Klettersteigmanier (Stufe B) hinüber zur südlichen Linderspitze, von Holzbrettern, Eisenleitern, Stahlstiften und Felstritten/griffen ist hier alles dabei. Herrlich. Das Wetter könnte nicht besser sein, wenn mir der kalte Wind auch fast meine Ohren unter dem Helm abfriert. Von der südl. Linderspitze steigt man dann wieder „steigfrei“ hinab zum Gamsanger. Der Weg ist zwar eine einzige Geröll- und Kieselrutschpartie, dennoch schaffe ich es – sturzfrei – während des Gehens, mein Buff unter den Helm zu ziehen. Ohren wieder warm, check.

Vom Gamsanger aus läuft man zunächst in Richtung der vermeintlichen Rück- und Schattenseite der Sulzleklammspitze, passiert einen Unterstand, schmunzelt über das angebrachte Schild und klinkt sich an einem kleinen Felsband wieder in das Führungsseil des Steiges ein. Hier gilt es sich zügig aber konzentriert fortzubewegen, denn Steinschlag gehört hier zum minütlich Brot. Nach dem Felsband warten ein paar Eisenklammern und einige Felsstufen, bis man sich schließlich am Eingang eines „großen“ Felskamins (alles B; nur der Kamin ist bei Schneelage C) befindet, durch diesen stemmt man sich hindurch, nimmt die letzte Eisenleiter mit und steht plötzlich wieder im strahlenden Sonnenschein. Eine Gehpassage durch Fels- und Gras am immer schrägen Hang lässt einen kurz entspannen und die Sonne genießen, bevor es erneut kurz und knackig einige Höhenmeter bergab geht. Es folgt der letzte Aufstieg auf dieser Tour zur Kirchlspitze, welche mit sensationellen Weit- und vor allem Tiefblicken vom Grat aus aufwarten kann. Ein paar Schritte noch auf dem luftigen Grad und dann beginnen bereits die ersten Serpentinen des Abstiegs sichtbar zu werden. Unglaublich, wie kurzweilig 2,5 Stunden sein können. 

Begegnet sind mir bis zu diesem Zeitpunkt übrigens satte 4 Personen, eine Herde Gemsen und jede Menge Dohlen; ein Bergtag ganz nach meinem Geschmack.

Ich steige hinab bis zum Brunnsteinanger, winke am Staatsgrenze-Schild hinüber zu den österreichischen Nachbarn und beginne mit dem eigentlichen Abstieg über die Brunnsteinhütte nach Mittenwald.

Was jetzt folgt ist wirklich die Hölle pur, Serpentine um Serpentine, Geröllfeld um Geröllfeld, ich laufe und laufe und laufe bergab – gefühlt seit Ewigkeiten. Doch weder das Tal kommt näher, noch die Brunnsteinhütte ist zu sehen, geschweige denn die Chance auf einen evtl. „entspannteren oder flacheren“ Weg ist ersichtlich.  Nach ca. 1,5 Stunden erblicke ich endlich die bayrische Flagge der Brunnsteinhütte im Wind tanzen – zeitgleich trifft mich der Geruch von Kasspatz’n und Kaiserschmarrn und lässt den Magen knurren. Meine Füße/Beine aber brennen dermaßen, dass ich keine Pause riskieren will und ich marschiere schnurstracks weiter. Ich orientiere mich ausschließlich an den Wegweisern mit der kürzesten Gehzeit in Richtung Mittenwald, dass ich so den hochgelobten Leitersteig sowie auch die mglw. spektakuläre Hängebrücke verpasse, ist mir gerade herzlich egal. Im Geiste durchsuche ich bereits das Angebot von Amazon nach neuen Knien und kann an nichts anderes mehr als an Fußmassagen denken. Immerhin ist der Weg mittlerweile etwas besser (weniger steil und geröllig), so dass man hier doch auch den ein oder anderen Wanderer, pilotbrillenverspiegelte „Touristen“ und 2 Omas samt ihrer Handtaschen antrifft. Na jetzt kann es doch nicht mehr weit sein…und dann endlich stehe ich unten am Fuß des Berges auf der Höfewiese, mache 3 Kreuze dass das leidige Thema Abstieg jetzt erledigt und ad acta ist und schlendere bei strahlendem Sonnenschein zurück zur Talstation der Karwendelbahn.

Fazit:

Letztendlich habe ich 5.20 Std. statt 6.30 Std. für die gesamte Tour gebraucht, aber Hand aufs Herz, ich fühle mich – dank des Abstieges – als wäre ich seit vorgestern unterwegs. Nichts desto trotz eine wirklich sagenhaft gute Tour mit unglaublichem Spaßpotenzial und dank Petrus einem wirklich mehr als perfektem Wetter.

Gehe ich die Tour nochmal? Unbedingt; ja auf jeden Fall sogar – nur bestimmt nicht  morgen…

Zum Klettersteig selbst noch ein paar Worte, es sind weder größere kräfteraubende noch technisch schwierige Stücke vorhanden, daher gilt: wer bereits öfter in den Bergen unterwegs war, fühlt sich hier bestimmt ebenso wohl wie ich – AUCH wenn manche Stellen aufgrund ihrer Exponiertheit einem (mir) doch den Puls nach oben schnellen lassen.

 

Blicken wir zum abschließenden Abschluss noch einmal kurz auf das Intro zurück:

„Hammer-Tour“ – aber sowas von…
„Einfach aber lang“ – „einfach“ ist vielleicht das falsche Wort, ich würde „keine größeren Schwierigkeiten“ bevorzugen…
„…ein absolutes Muss“ – ja, ja und nochmals ja
„Abstieg aus der Hölle“ – dem ist nichts hinzuzufügen

 

Ich bleibe dabei:
Rocks rock.

R.

Eine letzte Anmerkung in eigener Sache:

Ich habe Kommentare zum Mittenwalder Höhenweg gelesen, die in etwa so klangen „Pah, des ist doch kein Klettersteig, ich musste mich da nie einklinken.“ Aussagen dieser Art kann und will ich auf keinen Fall unterschreiben, wer sich wann wie und wo in das Seil einklickt, dass sei jedem selbst überlassen, aber zu sagen, dass man sich hier NICHT einklinken müsse, halte ich für grundverkehrt und auch falsch. Klettersteigset haben UND es auch zu Nutzen ist ein Muss. 

2 Gedanken zu “MITTENWALDER HÖHENWEG

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