PETER-KOFLER-STEIG

Der traumhafte Herbst, lässt den aktuellen Monat schnell zum Rocktober avancieren.  Aus diesem Grund treibt es mich heute auf der Brenner-Autobahn gen Süden, aber schon bei der zweiten Abfahrt nach der Mautstation setze ich den Blinker. Mein Ziel ist das kleine und beschauliche Örtchen St. Jodok am Brenner.

Dem Heimatort der Staffelwand sowie dem daran entlang führenden Peter-Kofler-Klettersteigs.

Selbiger besitzt übrigens zwei ausgeschilderte Parkplätze mitten im Ortskern und ist auch generell dank bester Markierung inkl. Klettersteig-Lehrpfad nicht zu verfehlen. Von Parkplatz Nr. 2 (vor der Kirche über die Brücke, dann rechts) folge ich bei morgendlich frischen 8 Grad ca. 20 min. den gelben Schildern zum Anseil- und Einstiegsplatz.

Dort macht sich gerade eine Südtirolerin, Marke 50+, für den Einstieg bereit. Wir fachsimpeln kurz und sie gibt mir noch den Tipp, dass ich viel zu warm angezogen sei. Bei Sonne, würden sich – aufgrund der kompletten Südlage der Wand – die Felsen wie eine (Zitat) Herdplatte aufheizen. Also raus aus der Jacke – Weste und Merino-Shirt bleiben aber an. Mit der Frage, „Ob i mi a scho so auf des Kraxel-Abenteuer gfrei?“ lässt sie mir „Jungspund“ den Vortritt.

Ich steige ein und gewinne über den brutalen und steilen Einstieg der Kategorie C über nahezu senkrechte Felsplatten recht zügig an Höhe. Im Vorfeld studierten Klettersteigführer ist beim Peter-Kofler-Steig von einem „herrlichen Genussklettersteig im mittleren Schwierigkeitsgrad“ die Rede, ebenso heißt es hier, die wenigen Höhen- sondern viel mehr die Quermeter würden den Reiz ausmachen. In eben solch einer B/C-Querung werkel ich mich gerade nach vorne bzw. eben entlang. Ich stelle zudem fest, dass ich scheinbar einen schweren Fehler gemacht habe, ging ich doch davon aus – da ich ohne Probleme den mit B (B/C) bewerteten Mittenwalder Höhenweg absolvieren konnte – ich mich jetzt locker mit einem Klettersteigbrocken der C-Wertung anlegen könnte. Gedankenverloren grüble ich über diesen Anfängerfehler nach und mache dabei Meter um Meter an der Wand.

Plötzlich reißt mich die Südtirolerin aus den Gedanken, denn seit offensichtlich geraumer Zeit sitzt bzw. hängt sie mir im Nacken und musste feststellen, dass den „Jungspund vorzulassen“, ein grober Fehler ihrerseits war. Zähneknirschend lasse ich sie vorbei und beobachte ihre nächsten Bewegungen. Leichtfüssig und elegant, tänzelt sie an der Wand entlang, klinkt sich ein und aus, und ist auch recht schnell um die nächste Ecke der Felswand verschwunden. Jawohl, so mache ich das jetzt auch…

Zwischen Vision bzw. Wunschdenken und der Realität ist aber alsbald ein deutlich spürbarer Unterschied auszumachen. Auf den Anfängerfehler Nr. 1 (Tourenauswahl) folgt direkt der noch viel dümmere Anfängerfehler Nr. 2, ich versuche alles und ich meine ausnahmslos alles, über Kraft aus den Armen und nicht etwa über Technik oder den richtigen Einsatz der Beine zu erledigen. Warum ich das tat – gerade ich – der exakt dieses Verhalten gerne alles und jedem als „in höchstem Maße dämlich“ attestiert…ich kann es euch nicht sagen.

Ich kämpfe mich im wahrsten Sinne des Wortes zunächst bis zum ersten in der Wand eingelassen (Holz-)Bankerl und der kurz darauf folgenden Seilbrücke. Eine kurze Pause, mit Müsliriegel und jeder Menge Flüssigkeitszufuhr soll Erholung bringen und mein mentales „Ich-ärgere-mich-grün-und-blau-über-das-eigene-Verhalten“ ausblenden. Eins vorweg, klappte mehr so semigut.

Weiter geht es im Quergang mit (gefühlt) winzigen Tritten und oftmals schwierigen Stand- und Umklinkstellen. Nicht dass dies alles nicht schon anstrengend genug wäre, nein, die Oktober-Sonne brennt so dermaßen erbarmungslos auf die Wand, dass ich schmunzelnd an die „Herdplatten“-Warnung zurückdenken muss. Apropos, die Südtirolerin ist wahrscheinlich schon längst auf dem Abstieg; während mein Körper offensichtlich versucht zu schmelzen.

Schwitzend und – im Nachgang ehrlicherweise zu erwähnen – ziemlich k.o. komme ich an der zweiten Seilbrücke an. Dort nehme ich mitten im Fels auf einem kleinen Vorsprung Platz, atme durch und geniesse zunächst einmal den Tiefblick, das strahlende Wetter und den nächsten Müsliriegel. An besagter Seilbrücke ist ein Schild in der Wand montiert „Notausstieg – nach links“, es folgt was folgen muss: idiotischer Einfall Nr. 3, denn ich lasse den Ausstieg links liegen und beschließe auch noch das letzte Segment in Angriff zu nehmen. Allerdings muss ich hier zu meiner eigenen Ehrenrettung sagen, dass ich wenigstens kurz einen Blick auf die Topo-Karte des Steigs geworfen haben und meine Entscheidung aufgrund der „nur noch“ ausstehenden B/C-Elemente getroffen habe.

Im letzten Teil des Klettersteigs – kurz bevor man das (erlösende) Gipfelkreuz erblickt – geht es dann wider Erwarten nochmal ans Eingemachte. Erneut k(l)eine bzw. (für mich) schwierige Tritte, extrem unkomfortabele Stand- und Umklickplätze und der konstante und unnötig aufwendige Krafteinsatz meinerseits verbessern meinen Zustand nicht – eher das Gegenteil ist der Fall. Plötzlich meldet sich nämlich mein Problemkind aka die linke Schulter mit dem Satz „So nicht – bis hier und nicht weiter“ zu Wort. Von der Thematik des Genussklettersteiges ist hier für mich schon lang keine Rede mehr, ich quäle mich die letzten Meter durch den Steig und falle am Ausstieg sichtlich erschöpft auf eine der herrlich – von der Bergrettung St. Jodok – angelegten Holzbänke.

Den zweiten und viel besseren Geniestreicher als die bestimmt 10 Holzbankerl der Bergretter erblicke ich erst nach 10 minütigen Power-Nap – eine Getränkebox basierend auf (hffntl. für alle verbindlichen) freiwilligen Spende. Bier und Radler interessieren mich nicht, aber ich stürze gleich 2 der Apfelschorlen in mich hinein, bevor ich den erneut bestens ausgeschilderten Rückweg zum Auto antrete. In der Gehzeit von ca. 40 min. bis zurück zum Parkplatz, ist ein Verlaufen weder auf dem kleinen Steig noch auf der Forststraße möglich.

 

Zeit für eine kurze Bestandsaufnahme und Faktencheck: 

  • Der wichtigste und zu akzeptierende Bestandteil dieses Ausfluges: Mir fehlt es an Klettertechnik bzw. an Übung und Routine.
  • Warum ich deshalb die Messlatte gleich um einen Schwierigkeitsgrad (im Vergleich zur letzten Tour) nach oben schrauben musste, ist mir schleierhaft. Know your limits.
  • Wenn in einem Buch Aussage/Beschreibung XY steht, empfiehlt sich mglw. doch noch ein wenig Internet-Recherche, um sein Vorhaben etwas besser auszuleuchten. Stichwort: Zweite Meinung.
  • Es war zwar zu keiner Zeit so gefährlich, als dass man um sein Leben hätte fürchten müssen oder ähnliches, dennoch war mir auf den letzten Metern einfach nicht mehr wohl in meiner Haut.
  • Kraft und Kraftausdauer sowie eine gewisse mentale Stärke bringen einen zwar über vieles hinweg – sind und sollten aber NIEMALS die generelle Lösung sein.
  • Die Einstufung von Klettersteigen ist eine sehr subjektive Sache und gilt nicht für alles und jeden gleichermaßen.
  • Ebenso ist dieser Artikel schlicht nur meine Meinung – anderen mag es ähnlich ergehen, wieder andere (siehe die Südtirolerin) haben hier leichtfüssigen Spaß und erleben dann wahrscheinlich auch den versprochenen Genuss.
  • Es bleibt aber wie immer: Provoziere den Berg NIEMALS, denn er sitzt zu meist am längeren Hebel. Auch ich muss mir das (anscheinend) immer wieder mantra-artig vorbeten.

Fazit: 

Der Peter-Kofler-Steig ist ein toller Sport-Klettersteig mit herrlichen Tief- und Weitblicken, sowie genügend Nervenkitzel und Spielereien für alle Begeher. Dass man angeblich „ständig nur quert“ ist mir weniger in Erinnerung geblieben, als die wirklich knackigen und steilen C-Aufstiegsabschnitte. Für Anfänger und Kinder, würde ich diesen Steig auf keinen Fall empfehlen und wer bereits Kenntnisse und/oder Vertrauen in Reibungs-Kletterei hat, dem sei gesagt: vielleicht ist es dann wirklich ein „Genussklettersteig“.

Für mich war wieder einmal deutlich ersichtlich, warum ich mit der echten (Seil-)Kletterei einfach nichts anfangen kann und mich auch nur bedingt in Teilen damit auseinandersetzen möchte.

Ansonsten ist der Steig top verbaut und lässt keine Wünsche offen – außer den im Nachhinein geäußerten Wunsch, dass ich mich selbst besser nicht verhalten hätte wie der von mir sonst so belächelte „Tourist am Berg“.

 

Learning by doing und – demnächst dann auch wieder mit – denking. 

R. 

 

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