GRIZZLIES

In der einen Hand eine dampfende Tasse Kaffee, während aus meinem offenstehenden Mund die letzten Brösel Blueberry-Muffins einfach herausfallen und sich meine rechte Hand an der Bootsreling festhält. Gebannt von dem Anblick der mächtigen Buckelwal-Flosse, die vor unserem Boot auf- und wieder abtaucht, sowie von der Delphin-Schule, die unserem Boot hinterher schwimmt. Und dass alles bereits um 7 Uhr morgens. Scheinbar aber ein ganz normaler kanadischer Morgen.

 

Für mich als Nichtkanadier und Gast auf dem kleinen Fischerboot der Tide Rip Grizzly Tours ist dieser Anblick nach nur 4 Minuten schon fast zu viel und einfach unglaublich. Es sollte aber alles noch besser werden.

An Board gingen wir – 10 Passagiere samt 2 Crew-Mitgliedern – in Telegraph Cove. Die Reiseroute für die folgenden 6 Stunden lautet dann, den Johnston Straight zu durchqueren, dem Blackfish Sound zu folgen und in das Knight Inlet abzubiegen, um bis Glendale Cove zu fahren. Der Heimat der berühmten (überteuerten) Knight Inlet Lodge sowie der noch berühmteren Grizzlies, die dort in freier Wildbahn leben, sich aber immer wieder in Ufernähe blicken lassen.

 

Fieberhaft hängen die Augen aller Passagiere an den Bootsfenstern, will doch jeder der Erste sein, um „irgendwas“ zu entdecken – ganz egal, ob Wal, Robbe, Wild oder sogar den ersten Grizzly. Jeder ist gespannt wie ein Flitzebogen.

 

Bei ruhiger See und einem Mix aus Sonne und Wolken kommen wir gut und schnell voran, passieren einige Fischfarmen (Buuuuh!) und alte First Nations Siedlungen, bis der Kapitän den Motor drosselt, uns gebietet still zu sein und mit dem Finger auf den ersten Bärenkontakt des Tages zeigt. Und was für einer. Eine Grizzly-Mum mit ihren zwei acht Monate alten Jungen machen das Ufer unsicher, knacken Muscheln und lassen kein Stein auf dem anderen. Ein schier unglaubliches Schauspiel – keine 30m von mir entfernt.

Nach ca. 15 min. anstarren – anders ist mein und das Verhalten der gesamten Gruppe nicht zu beschreiben – geht es weiter und wir lassen den 3en ihren Frühstücksfrieden. Obwohl sie sich um ehrlich zu sein, kein bisschen um unsere Anwesenheit gekümmert haben – weder Neugier, noch Angst noch Aggression waren (für mich als Laien!) auszumachen.

An Board ist jetzt jeder angefixt, es müssen mehr Bären her. Keine 5 Bootminuten später sichtet ein zwar generell unfassbar nerviger Autoverkäufer aus England tatsächlich an einem Felsen den nächsten Bären. Lucky him. Von den Guides erfahren wir, dass es sich erneut um ein Weibchen handelt, da nur diese (mit oder ohne Kids) so nahe an die Küstenlinie zum Fressen gehen würden. Der männliche Grizzly patrouilliert lieber für sich alleine durch das Hinterland und macht wenn überhaupt die Flußmündungen in Meeresnähe unsicher. Wie auch sonst sollte er zu den aktuell ca. 60-100 benötigten Lachsen pro Tag kommen, damit er seinen Kalorienbedarf für den bald anstehenden Winterschlaf, decken kann. By the way, wir sprechen hier von einer Nahrungszufuhr von ca. 2.000-3.000 BigMäcs. Täglich.

Moment mal, hinter dem einen Felsen dort drüben hat sich doch etwas bewegt. Ich starre weiter in die Richtung und meine ein fellüberzogenes Ohr zu erkennen, aufgeregt gebe ich meine Vermutung an die Guides und den Rest der Gruppe weiter. „Wow, good spotting…for a German“ – naja, das ist wohl aus dem Mund eines Kanadiers schon so etwas wie ein Lob. Immerhin hatte ich recht und eine weitere Bärin gehört zu dem bereits entdeckten Fellohr. Die beiden Damen würdigen uns ebenso wie die Bärin zuvor keines Blickes und sind mit Strand umgraben und Steine wälzen beschäftigt; wir hingegen können uns nicht sattsehen.

Danach tuckern wir mit unserem Bötchen in das eigentliche Ziel unserer Reise, der Glendale Cove. Eine Bucht, die sich dem Spiel von Ebbe und Flut relativ extrem hingibt – bei Ebbe gibt das Wasser eine riesige Wiesenlandschaft frei und lediglich ein Wasserstand von ca. 1m Höhe verbleiben im ganzen Rest der Bucht, bei Flut ist von all dem nichts mehr zu sehen. Wir kamen bei Ebbe an und mussten deshalb am Eingang der Bucht in ganz kleine „flache“ Boote mit nahezu Null Tiefgang umsteigen – und los ging es.

Über das Funkgerät an Bord lässt sich aber schnell ausmachen, dass die Bären heute aber anscheinend keinen Bock auf Glendale Cove haben, denn von einem Grizzly ist weit und breit nichts zu sehen. Plötzlich Aufregung, ein Guide starrt mit einem riesigen Fernglas in Richtung der besagten Wiesenfläche und meint, dass er dort im hohen Gras ein umherstreifendes Grizzlybär-Männchen vermutet. Eine echte Rarität.

Wir tuckern gemächlich in Richtung der Wiese los; zum einen aus Wasserstandsgründen, zum anderen, dem Grizzly zuliebe, da wir dem Bärenboss seinen seltenen Ausflug an den Strand nicht vermiesen wollen. Aus selbigem Grund kommen wir auch nicht richtig nah ran, sondern müssen uns mit ca. 80-100m Abstand begnügen; dennoch völlig ausreichend um Meister Petz auf seiner verzweifelten Suche nach Lachsen zu beobachten. Warum verzweifelt? Aus bis dato unverständlichen Gründen – für die Guides und Einheimischen – bleibt der Lachs in diesem Jahr aus, bzw. tritt nur in äußerst geringen Mengen auf. All das ist für die Bären natürlich Frust pur, denn der Winter naht. Aber das Phänomen der „Bären vs. Hunger“ aufgrund der fehlenden oder weniger werden Lachse hatten wir auch bereits im letzten Jahr in Bella Coola mitbekommen.

Irgendwann plagt auch die Gruppe dann der Hunger, wir wechseln zurück auf unser Ausgangsboot und donnern durch die mttlw. raue See das Knight Inlet hinauf bis zur Lagoon Cove. Dort wartet in kanadischem Bilderbuch-Szenario ein Mittagessen auf uns. Ganz traditionell. Lachs-Sandwhich und Ginger Ale. Noch ein wenig die Beine vertreten, zig kitschige Fotos knipsen und dann gehts auch schon wieder mit Vollschub in Richtung des Heimathafens.

#whataday

R. 

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