MALIGNE LAKE

Wer etwas auf sich und seine Reiseroute durch den Westen Kanadas hält, wird früher oder später einmal im Jasper Nationalpark und dem kleinen Örtchen Jasper selbst landen. Ab diesem Zeitpunkt ist es eigentlich egal, was man hier geplant oder der Reiseführer einem diktiert zu unternehmen, denn ab dann zählt nur noch eine Sache: ab zum Maligne Lake.

Allein der ca. 40 km lange Scenic Drive bis zum Parkplatz des touristischen Sammelpunktes ist ein wahres Highlight. Wer früh aufsteht und die Fahrt hinauf noch weit vor den Touristenbussen anstrebt, kann sich sicher sein, hier auf allerei Wildlife zu treffen.
Uns war hier eine Herde Bighorn-Schafe auf Höhe des umwerfenden Medicine Lake gnädig und blockiert den bereits vorherrschenden Verkehr. Herrlich. Zwar ist der Medicine Lake als Heimat für unzählige Caribous bekannt, aber was soll’s, da wollen wir mal nicht päpstlicher als der Papst sein. Dann eben Schafe statt Caribous.

Ganz in Touristenmanier streben wir von Fotostop zu Fotostop und unterscheiden uns hier deutlich zu den Einheimischen – diese parken ihr Auto am Medicine Lake steigen hinab und setzen sich mit Campingstühlen in das flache Wasser. Angeln, lesen ein Buch oder trinken ihr Frühstücksbierchen. Ganz einfach halt, living life the better way.

 

Am Parkplatz des Maligne Lake ist die Überraschung dann groß, es geht gar nicht so zu wie befürchtet – war aber doch auch Lake Louise vor ein paar Tagen ein wirklich mehr als abschreckendes Beispiel. Wir stiefeln direkt zum Reservierungs-Büro für die Bootstouren – obwohl diese laut Internet komplett „sold out“ waren – aber einen Versuch wollen wir trotzdem wagen. Fragen kostet ja nichts. Das ist aber zugleich auch das Einzige, was hier nichts kostet. Die Preisliste der Optionen lässt erschaudern und in wilde Rechenbeispiele verfallen. Damit jeder folgen und mitrechnen kann:

  • 1x Classic Cruise Boat Tour (ca. 2,5 Std.) = 72 Dollar pro Kopf
  • 1 Std. Kanu = 50 Dollar
  • 1 Std. Ruderboot = 75 Dollar
  • Dabei gut zu wissen: die Strecke bis zum beliebtesten Fotomotiv Kanadas, dem Spirit Island, sind mit einfach 14 km zu bemessen

„Schnell“ ist die Classic-Tour beschlossene Sache. Teuer, aber mglw. auch einmalig im Leben…und wenn wir schon mal da sind.
Jetzt heißt es dümmlich dreinkucken und sich ahnungslos stellen. „Entschuldigung, gibt es evtl. noch auf irgendeinem Boot die Chance auf zwei Plätze für uns?“ lautet meine kleinlaute Frage an die Servicedame. Diese strahlt und jubeliert mir entgegen, klar, welches Boot ich denn gerne hätte, denn heute ist eh fast nichts los. Ähm ja, sold out, verstehe. Wir entscheiden uns – nachdem auf wirklichem JEDEM Boot noch Platz ist – für das 13 Uhr Boot, so haben wir noch genügend Zeit für eine kleine Wanderung davor.
Hierfür nehmen wir uns den Mary Schäffer Loop Trail vor und latschen auf den Spuren dieser großen kanadischen Entdecker- und Abenteurer-Lady ca. 4 km durch den Wald. Begegnen nur zwei anderen „Wanderern“ und genießen die Ruhe und den Duft der alten Zedernbäume, und nicht zuletzt ihren Schatten, denn das Thermometer kratzt schon wieder fast an der 30 Grad Marke.

 

12.50 Uhr – Boarding Zeit. An Bord sind wir mit ca. 20 anderen Passagieren, unserem weiblichen Kapitän und dem weiblichen Tourguide Malinda. Selbige redet nicht nur wie ein Wasserfall, sondern kennt jeden Berg, und scheinbar auch jedes Fleckchen Moos beim Vornamen. Sensationelle Wissensshow, vor allem aber spannend und höchstinteressant vorgetragen; hier könnte sich so manch gelangweilter Neuschwanstein-Touri-Guide bei uns daheim eine Scheibe abschneiden.

Von Malinda erfahren wir auch, dass nahezu das komplette Gebiet rund um den Maligne Lake von einer Frau nahezu im Alleingang erschlossen, kartographiert und auch noch benamt wurde. Richtig, der Namen der feine Dame, war natürlich Mary Schäffer.

PS.: übrigens hat sie ganz selbstlos keinen einzigen Berg nach ihr selbst benannt; aus diesem Grund hat die Parkaufsicht, wenigstens den zuvor erwähnten Loop-Trail nach ihr benannt. Ehre wem Ehre gebührt.

Die Bootsfahrt selbst ist der absolute Knaller – und somit der durchwegs knackige Preis schnell vergessen. Links- wie rechtsseitig des Ufers türmen sich enorme Berge über endlosen Wäldern auf. Beeindruckend ist ein zu schwaches aber dennoch treffendes Wort dafür.

Unser Ziel, Spirit Island, spottet aber dann wirklich jeder Beschreibung. Das kleine Heiligtum der First Nations nahezu am Ende des Sees ist einfach ein unbeschreiblich schöner Ort. Perfekter kann man einen Fleck um dem Geist der Mutter Erde zu huldigen nicht auswählen. Genau aus diesem Grund ist – zum Glück – das Betreten der Insel für ausnahmslos alle verboten; einzig der Häuptling des ansässigen Stammes darf hier jährlich den Speer der im Boden der Inselmitte steckt erneuern.

 

„FunFact“

Als vor 2 Jahren die Gegend um den Maligne Lake von schweren Waldbränden heimgesucht und viel Land und Baumbestand dem Feuer zum Opfer fielen, traf dass die Leute der First Nations im Mark und erschütterte sie zu tiefst. Im tiefen Glauben an den großen Raben und Mutter Erde, ging man davon aus, dass das die Strafe für das touristische Treiben um und auf dem See sei. Als erste Reaktion wollte man dem Tourismusverband von Alberta alle Lizenzen entziehen und somit das Gleichgewicht zwischen der Natur und den Göttern wiederherstellen. Letztendlich konnte man sich aber nach langen Gesprächen einigen, die Regeln für Touristen, die Bootsbetreiber, Kanuverleiher uvm. zu verschärfen, dass allgemeine Aufkommen zu reglementieren und somit die Götter gnädig zu stimmen. Seit diesem Zeitpunkt kommen die First Nations regelmäßig in Sonderfahrten zu ihrer heiligen Insel gepilgert, um Mutter Erde zu huldigen und sich vom Gleichgewicht zwischen den Welten zu überzeugen.

Zu guter Letzt folgt ein weiterer Augenöffner von Malinda. Ihr kurzer Hinweis auf den vermeintlichen „Nebel“, „Hochnebel“, „Dunst“ oder für was wir die milchige Trübung des Horizonts auch immer halten mögen: wir lägen alle falsch. Es ist leider Waldbrandsaison im Nachbarstaat British Columbia, dort brennen aktuell 55.000 Hektar Land und das sind die Rauchschwaden, die über die Berge ziehen.

Trotz des traurigen Finales bin ich dankbar, mich selbst zu dieser Bootsfahrt durchgerungen zu haben. Jeder Moment auf diesem Ausflug war mehr wert, als jeder Cent des Preises.

#INSPIRED
R.

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