BELLA COOLA

Wer aufbricht um eine Reise zu unternehmen, darf sich vor einem Abenteuer nicht scheuen. So ein  Abenteuer kann aber jetzt natürlich einige Überraschungen, ein gutes oder sogar ein weniger gutes Ende mit sich führen, all dies ist dem Abenteuer aber erlaubt, sonst wäre es ja auch keines.

Der für kanadische Verhältnisse kleine, für europäische Verhältnisse unmenschliche Roadtrip von Whistler nach Bella Coola war durchwegs der Bezeichnung Abenteuer würdig. Warum ausgerechnet Bella Coola? Das verschlafene Örtchen liegt weit ab vom Schuß im Great Bear Rainforest und ist bekannt für sein großes Aufkommen an Grizzlybären, sowie den legendären Spirit-Bären (eine Art Mutation der Schwarzbären, welche ein zum Teil helles bis gar schneeweißes Fell aufweisen; dennoch sind die Tiere keine Albinos).

Auf auf zu den Bären! Die Reisezeit kalkulierte google mit one way, 12 Stunden für schlappe 800+ Kilometer, da heißt es zeitig aufstehen und Abfahrt in den frühen Morgenstunden.

Die Tatsache, dass die letzten Tage in Whistler mttlw. der Winter eingekehrt war und sich über Nacht am Berg bereits mehr  als 30 cm Neuschnee befanden, machten die Aussicht auf eine „schnelle“ Fahrt eher aussichtslos. Aber machen wir uns nichts vor, am Stück ist diese Strecke so oder so nicht zu fahren, daher wurde die Strecke halbiert. Ziel der 1ten Etappe war es über Pemberton, Lilloeet, Clinton und diversen XX Mile Häusern nach Lac La Hache zu gelangen – dieser Reiseabschnitt wurde zu einer Fahrt durch alle vier Jahreszeiten. Welch ein Phänomen! Neben der Straße eine nahezu geschlossene fast kniehohe Schneedecke, Felder von blühenden Königskerzen, Wälder in den schönsten Farben des Indian Summers und wüstenähnliche Einöde gaben sich als Hintergrundkulisse die Klinke in die Hand. Nicht nur optisch, auch temperaturmässig ein Wechselbad der Gefühle.

Nach zahlreichen Stopps für Fotos, Beine vertreten, Tank auffüllen und Besuche diverser Generalstores rollte der Jeep gegen 17 Uhr in unsere Unterkunft und das Motto lautet: Baumstämme staunen. Ein Original Timberkings Haus ist die heutige Behausung für eine Nacht. Unglaublich. Ein vergnüglicher Abend mit den Betreibern unseres B&Bs -der San Jose River Ranch – entschädigt uns für den Besuch des Restaurant Edelweiß – glaubt Google kein Wort und geht wo anders essen, ehrlich! Gastgeber George zauberte am nächsten Morgen noch ein „hardly canadian“ Breakfast, welches mit Blick auf die weißgefrorene Natur, Pferden auf der Weide und einem Schwarm Wildgänse nicht besser und authentischer hätte sein können. Nur ungern fahre ich weiter.

Vom Highway 97 biegen wir auf den Highway 20 ab, verlassen somit den Cariboo District und gelangen direkt in das Chilcotin Land – eine Art Hochfläche und Bergregion zwischen den Coast Mountains und des Fraser Rivers. Ganz im Gegensatz zum Cariboo District, in dem nicht ein einziges Cariboo zu sehen war, wird hier im Chilcotin das Bild deutlich von „first nation people“ geprägt.

Auf ungefährer Höhe des Anahim Lake ist es dann vorbei mit betonierten oder geordneten Straßenverhältnissen, ab hier heißt es Schotter-Schlammpiste. Die Warnschilder vor dem 1524 m hohen Heckman Pass nehmen zu und werden von Kilometer zu Kilometer ernster, auch unser Schweizer Gastgeber hatte sich am Morgen noch mehrfach nach dem Zustand unseres Autos erkundigt und uns ermahnt, die Pass-Straße ja vorsichtig und mit offenen Augen zu fahren. Kleinlaut rollen wir an der „Chain up“-Area vorbei und drücken uns selbst die Daumen. Die Freedom Road mit dem Teilabschnitt „The Hill“ beginnt. Ja, die Straße ist steil, ja es gibt keinerlei Leitplanken, ja alles ist Steinschlag und Hangrutsch gefährdet, ja anhalten ist keine Option und ja wirklich breit ist die Straße auch nicht – dass es am talseitigen Straßenrand bestimmt 300-500 m in die Tiefe geht ist auch kein Spaß. Fahr- und machbar ist die Straße dennoch allemal. Wer allerdings Probleme mit Höhe, Ausgesetztheit oder gar ein schlechtes / kleines (Leih-)Auto hat, sollte diesen Ausflug mglw. nochmals überdenken. Am Fuße des Heckmann Passes ist man dann schließlich auf 29 m über dem Meeresspiegel angekommen und ich höre erstmals wieder Atemgeräusche vom Beifahrersitz.

War das Chilcotin optisch eher herbstliches Cowboyland mit unendlicher Weite und fantastischen Ausblicken auf die Coast Mountains, wurde hier am Fuße der Berge wieder das kanadische Regenwald-Szenario aufgezogen.

Die letzten Meter durch Hagensbourg nach Bella Coola lassen die Stimmung allerdings etwas sinken, sieht hier doch alles etwas unfreundich, gespenstisch und eher nach CSI: Bella Coola als nach verschlafenem und vor allem netten kleinen Örtchen aus. Sorry, aber bei aller Liebe, das Szenario lässt sich nur mit „Twin Peaks trifft Fritzl-Atmosphäre“ beschreiben.

Auch das Wetter passt sich an und schlägt um, es wird grau in grau, beginnt zu regnen und die Temperaturschraube dreht sich nach unten. Gruselig und nicht schön hier.

Wir beziehen unser Altenheimzimmer, äh, Quartier für eine Nacht und kommen mit dem älteren Herrn an der Rezeption ins Gespräch, was er zu erzählen weiß, klingt für unsere Ohren nicht gut:

Die Lachse seien in diesem Jahr viel zu früh dran gewesen, was das Ökosystem ein bisschen durcheinander gewirbelt habe, gelte doch bei den Grizzlies eine strenge Regel, zunächst frisst das Männchen, erst wenn alle satt sind, dürfen die Weibchen und die Kleinen an den Fluß. Als die Männchen in diesem Jahr zur gewohnten Zeit zum Fluß kamen, waren die Lachse schon fast wieder weg, was zur Folge hat, dass man nun von einen Wald voller unzufriedener Männchen und komplett hungrigen Weibchen und deren Jungen umgeben ist. Der Grizzly – an sich nicht doof – nimmt seitdem alles was nicht niet- und nagelfest ist, auseinander um seinen Hunger zu stillen. Aus diesem Grund gäbe es erhöhte Bärenpatrouillen, die Grundschule musste sogar an 2 Tagen geschlossen werden, alle Wandertrails in der Umgebung seihen gesperrt, ebenso wie der große Stolz Bella Coolas, die öffentlichen Bear-Viewing-Plattformen, ja selbst die Bear-Watching-Touren sind momentan alle gesetzlich verboten und wenn wir abends das Haus verlassen wollen, bitte nur mit Hund, da die Grizzlies nahezu allabendlich durch die Stadt ziehen.

Glaubt mir, ab diesem Moment, bewegt man sich in der Dunkelheit des eh schon „malerischen“ Örtchen nur noch sehr sehr ungern bzw. auf rohen Eiern und mit flauem Gefühl im Magen vorwärts. Die Strecke zum Abendessen – dem offensichtlich einzigen Restaurant im Ort – erledigen wir in Form einer Straßenquerung im Vollsprint.

Nach all diesen Horrorgeschichten ist das eigene Erstaunen am nächsten Morgen groß, man hat überlebt und wurde nicht in der Nacht vom hungrigen Grizzly-Mob gefressen – der Mut kehrt ein wenig zurück. Der alte Mann an der Rezeption erwartet uns bereits, sieht uns den Verdruss über die aktuelle Bärensituation in Bella Coola wohl an und versucht uns mit seinen persönlichen einheimischen Ortskenntnissen noch ein wenig Wildlife zu zuschustern. In eine Karte zeichnet er – gefühlt all seine bis dato erlebten – Tiersichtigung ein; die nächsten 40 Minuten bekommen wir Hotspots für Vielfrasse, Elche, Grizzlybären, Schwarzbären und Seeadler erläutert. Alles nicht ohne Warnhinweise am Ende und dem immer wieder hallenden Unterton, Grizzlies seien kein Spaß – was wir aber selbst wissen und daher auch bei jedem seiner „da geht ihr einfach 3 Std. lang ins Unterholz“-Vorschläge die Augen verdrehen und heftig verneinend den Kopf schütteln.

(Ich gehe doch nicht aufs gerade wohl ins nirgendwo des kanadischen Regenwaldes, wenn der Satz, „…ein Problem ist auch, dass Grizzlies einfach Schwarzbären oder unsere Spiritbären töten, sollte ihnen einer dieser über den Weg laufen…“ kaum in meinem Ohr verhallt ist.)

Irgendwann fallen wir ihm, trotz seiner wirklich offensichtlichen Bemühungen uns zu helfen, ins Wort – denn wir wollen und müssen los. Eine weitere Nacht gibt Bella Coola ohne (offizielle) Bear-Viewing-Tour nicht her und die Rückreise ist lang. Dennoch beschließen wir, einige vermeintlich einfach zu erreichende Tipps des naturaffinen Rezeptionisten zu befolgen, in der Hoffnung doch noch einen Blick auf ein Pelztier zu erhaschen.

Machen wir es kurz, aus Sicht der Wildlife-Liste war der Ausflug nach Bella Coola eher ein Satz mit X, denn bereits am zweiten von zahllosen Sperrschildern (siehe Fotos) war für uns Schluß; schließlich geht es hier um Grizzlies und nicht um „harmlose“ Schwarz-/Spiritbären.

War der Ausflug, die Mühen, all die Fahrerei umsonst? Auf keinen Fall!

Wunderschöne Natur am Wegesrand machten das Motto: Der Weg ist das Ziel, zu einem unfassbaren Erlebnis – auch wenn uns die Hauptattraktion in Form von Grizzlies oder gar dem Jackpot namens Spiritbären verborgen blieb. Aber genau das ist auch irgendwie der Reiz an solch einem Abenteuer, die Natur macht eben was sie will.

In diesem Sinn: Nature never goes out of style.
R.

 

 

Lohnt eine Reise nach Bella Coola? Und was muss ich beachten?

  • die Anfahrt ist lang und beschwerlich.
  • der Rückweg ist derselbe, wie der Hinweg – aber das kennt man ja in Kanada.
  • wer mit Natur nichts am Hut hat, dem kann ich nur abraten.
  • Unbedingt vorab über die Bärensituation bei diversen Anbietern informieren.
  • Bear-Viewing-Tour bei einer professionellen Organisation buchen – Grizzlies sind kein Spaß.
  • Hotel- und Essengelegenheiten sind vor Ort nicht gerade zahlreich und eher einfach.
  • Hiken ist hier immer mit Vorsicht zu geniessen.
  • Bella Coola ist auch via Port Hardy mit der Fähre zu erreichen (lang, teuer aber bestimmt einmalig).
  • Wetter checken hilft; dennoch machen die Coast Mountains oft ihr eigenes Ding.
  • Nachts gilt es die Straßen zu meiden; nicht nur aufgrund der Bären – leider trinken die „Einheimischen“ gerne, was wohl in der Vergangenheit zu diversen Auseinandersetzungen mit Touristen führte.
  • Augen auf bei der Fahrzeugwahl und je nach Jahreszeit Schneeketten dabei haben; nein das ist kein Witz

Für alle Natur- und Wildlife-Fans, sowie Roadtrip-Liebhaber gilt:
Dieser Trip ist ein Muss.

 

 

3 Gedanken zu “BELLA COOLA

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