SEISER ALM / SCHLERN

Wenn heutzutage ein Gespräch in Richtung Südtirol, genauer gesagt der Seiser Alm und ganz explizit zu einer Bergtour auf den Schlern führt, branden sofort Erinnerung an meine Kindheit hoch. Genauer gesagt sind es eigentlich nur vage Bruchteile von Erinnerungen, die sich aus folgenden Fakten zusammensetzen: Tour aus der Hölle, ein Rauhaardackel, eine Orangenlimo und ein Vollsprint zum letzten Bus.

Recht viel mehr weiß ich über die Tour dann eigentlich schon nicht mehr, daher ist es – mehrere Jahrzehnte später – endlich an der Zeit, die Tour zu wiederholen und aus dem gedanklichen Erinnerungspuzzle wieder ein Gesamtbild zu formen.

Diesmal beginnen wir die Tour von Compatsch – dem ersten Ort oben auf der Seiser Alm – und beugen so bereits dem Erinnerungsbruchteil „Vollsprint zum letzten Bus“ frühzeitig vor. Selbiges Gedankenfragment dreht sich um einen verzweifelten Dauerlauf vom Berg hinab, um den letzten Bus von der Seiser Alm ins 25 km entfernte St. Ulrich im Grödner Tal zu erreichen. Für einen damals 8-jährigen mglw. noch ganz lustig, denn die Konsequenzen des letzten-Bus-verpassens, waren mir, ganz im Gegensatz zu meinen Eltern damals völlig unbewusst. (Ps.: der Bus wurde mit Hängen und Würgen erreicht)

Vom Compatsch aus, empfiehlt es sich, ein Berg- und Talfahrt-Ticket für die Panorama-Bahn zu lösen und dieses dann natürlich auch zu nutzen. Kleiner Spoiler vorab, die Tour ist lang und kräftezerrend, da muss man es sich nicht auch noch krampfhaft schwerer machen, als es bereits eh schon ist.

Von der Bergstation folgen wir zunächst über herrlich grüne Almwiesen und nicht enden wollenden Butterblumenfeldern, bis zum eigentlichen Aufstieg in Richtung Schlernhaus. Dank ausreichender – und wirklich guter – Beschilderung, eigentlich nicht zu verfehlen. Ab dann geht es über den „Touristensteig“ stetig bergan, zunächst noch durch die letzten kleinen Waldstückchen, alsbald folgen nur noch einige Latschen und schließlich steigt man in kargem Fels- und Geröllszenario, Serpentine um Serpentine nach oben. Genau dieser Teilabschnitt ist der „Rauhaardackel“-Erinnerung gewidmet. Ich selbst erinnere mich zwar nur vage an die Bekanntschaft mit dem kurzbeinigen Hund, meine Eltern hingegen berichten hier nur allzu gerne von der Tatsache, dass ich bestimmt heute noch schmollend und „ich kann/will nicht mehr“-quengelnd auf einer der zahlreichen Felsstufen sitzen würde, wenn da nicht dieser Dackel gewesen wäre. Irgendwie hatte mich als Knirps der Dackel so fasziniert, dass ich meine Widerworte verstummen ließ und alles mir damals mögliche in die Waagschale warf, um ja den Dackel nicht aus den Augen zu lassen; nur um bei jeder sich erdenklich möglichen Gelegenheit mit ihm spielen zu können. Tja, verstehe es wer will – dennoch tauchte damals nur aus diesem Grund plötzlich und wie von Zauberhand das Schlernhaus und somit Etappenziel 1 vor unseren Augen auf. Umso überraschender, dass ich jetzt im Erwachsenenalter den gefürchteten Aufstieg – ich hatte im Vorfeld weit und breit keinen Dackel ausmachen können – ohne große Schwierigkeiten bewältigte, obendrein kam er mir auch viel (viel) kürzer als in meiner Erinnerung vor. Aber so eine Welt aus Kinderaugen ist nun auch um ein vielfaches größer…

Diesmal biegen wir kurz vor dem Schlernhaus nach links auf den Weg Nummer 4 ab und überqueren auf diesem das gesamte Schlernplateau. Über große Steinplatten und Geröllfeldern folgen wir unter dem Pfeifen lauter Alarmsignale diverser Murmeltier-Familien dem kleinen Pfad in Richtung Tierser Alpl Hütte. Alle Abzweigungen und Hinweise zu diversen Klettersteigen und anderen verlockenden Gipfeln lassen wir sprichwörtlich links liegen und bleiben auf unserem Weg Nr. 4. Spätestens auf dem Rücken der Roterdspitze verschlägt einem der atemberaubende Ausblick auf den Hochgebirgszug des Rosengarten die Sprache. Eine schweigsame Rast, und sei es nur um 5 min. andächtig Stehen zu bleiben, ist quasi ein Muss. Danach geht es auf einem schmalen und durchwegs rutschigem Serpentinen-Wegerl einige hundert Höhenmeter nach unten. Wirklich „gefährlich“ ist das Ganze nicht, dennoch warten einige Stahlseil-versicherte Stellen, sowie ein paar großzügige Tieflblicke auf den Wanderer – ich würde zum rechtzeitigen Hinterfragen der eigenen Trittsicherheit und Schwindelfreiheit raten; oder zumindest jedem empfehlen, dass für wenige Meter ein Händchenhalter mit von der Partie und in Griffweite ist.

Mitten des inzwischen 360 Grad Felspanoramas taucht dann bereits das leuchtend rote Dach der Tierser Alpl Hütte auf – verlaufen unmöglich; außer jemand möchte warum auch immer plötzlich nach Wolkenstein absteigen… An der Hütte angekommen, staune ich nicht schlecht, denn in meiner Erinnerung ist hier der Ort des „Orangenlimoanden“-Ausschanks; selbiger ist in meinem Kopf allerdings eine urige alte Holzhütte mit keinerlei Annehmlichkeiten – mit Ausnahme der Orangenlimo natürlich . Der heutige Zustand der Hütte ist dagegen das absolut phänomenale Gegenteil, da ist es auch kein Wunder, dass diesem Bau 2015 der Südtiroler Architekturpreis verliehen wurde – aber ich könnte Stein und Bein schwören, dass es mal eine Holzhütte war. Nun ja, der Weg zur Toilette beraubt mich dann dem letzten Festklammern an die kindliche Phantasie, denn ein vergilbtes Foto aus dem Jahr 1963 zeigt die Tierseer Alpl Hütte bereits als großen „normalen“ Mauer- und Ziegelbau. Ich halte fest: Orangenlimo ja, Holzhütte nein. Da Tradition verpflichtet, bestelle ich eine Orangenlimonade, hänge den Gedanken nach und belausche mehr aus Zufall eine – dem Dialekt nach – Gruppe Südtiroler Wanderer am Nebentisch. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, jedes Wort verstanden zu haben, die wichtigsten Wortfetzen des Alpen-Kauderwelschs konnte ich allerdings entziffern: Roßzähne – Schneefelder – gefährliche Rutschpartie – Gewitter kommt – 8 Enzian – Prost. Klammern wir die letzten beiden Punkte aus, schnappte ich wirklich wichtige Details auf. Schienen die Südtiroler wohl über die „Rosszähne“ (bizarr geformte Felsgipfel-Formation) und deren dazugehörigen Scharte aufgestiegen und sich dabei über rutschige Altschneefelder gemüht zu haben – was exakt meiner geplanten Abstiegsroute entsprach. Die Addition der Fakten bergab, rutschig und – angeblich – anstehendes Gewitter stimmten mich etwas mulmig. Schnell die Karte rausgekramt und nach einer Alternative gesucht – die Abstiegsroute über Mahlknecht-, Almrosen- und Edelweißhütte in Richtung der Bergstation der Panorama-Bahn schien zwar um einiges mehr an Wegstrecke zu sein, aber dafür sicher. Safety first, möglicher Muskelkater last.

Der daraufhin eiligst begonnene Abstieg verlief zunächst über die Forststraße, der als Versorgungsweg zur Tierser Alpl Hütte diente, bevor man nach links auf kleinere Wiesenpfade in Richtung der Mahlknechthütte marschiert. Stets begleitet von dem ein oder anderen Murmeltier, einer Ziege oder Kuh – wer sich an den Vierbeinern satt gesehen hat, lenkt sich während der Forststrasse am Besten mit dem Bestaunen von Lang- und Plattkofel ab. Die ersten Regentropfen reissen mich aus meinem „Ablenkungsprogramm“ und der Gedanke an das bevorstehende Gewitter, erhöht die Schrittzahl. Spätestens auf Höhe der Almrosen Hütte hat man das Gros des Abstieges hinter sich und befindet sich zurück auf dem „Seiser Alm Plateau“ – dennoch bleibt der Weg ein ständiges (schier unendliches) auf- und ab, wenn auch nicht im zählbaren Höhenmeter-Bereich. Plötzlich endet der Regen, die stets schwarze Wolkenwand im Nacken verschwindet wie von Zauberhand und plötzlicher Sonnenschein und unerwartet blauer Himmel sind der finale Motivationsschub, um sich bis zur Bergstation zu schleppen. (mttlw. ist das die einzige richtige Bezeichnung für die Form der Fortbewegung…)

Ein Fazit zur Tour fällt dann bei Aperol Sprizz auf der Sonnenterasse der Panorama-Alm (aka Bergstation) eindeutig aus: eine wirklich grossartige Tour, deren anfängliche Bezeichnung „Tour aus der Hölle“ allerdings aufgrund schieren Länge absolut nachvollziehbar ist. D.h. so ganz Unrecht hatte der Knirps in mir nicht, aber denjenigen die gut zu Fuss sind, empfehle ich: dringend nachmachen – mit oder ohne Dackel; Hauptsache ihr gönnt euch eine eiskalte Limo.

Soweit die Füsse tragen (müssen) – Südtirol ist immer eine Option; egal was das Wetter letztendlich macht…

R.

 

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