GAMSÄNGERSTEIG

Es ist 8:27 Uhr und durch das Seitenfensters meines Autos raunt mir ein nahezu zahnloser Mund „4 Euro“ entgegen. So lautet neben früh aufstehen, via A8 die Landesgrenze passieren, einem Vignetten-Kaufstopp und dem Erhaschen der ersten Sonnenstrahlen am Irschenberg, eben der Preis für die Benutzung der Mautstraße zur Wochenbrunner Alm bei Ellmau in Tirol.

Der dortige Parkplatz ist der Ausgangspunkt für die heutige Tour. Niemand geringerer als der höchste Gipfel des beeindruckenden Wilden-Kaiser-Massives in den Kitzbüheler Alpen mit dem Namen Ellmauer Halt, soll heute den Eintrag in mein Gipfelbuch schaffen.

Eine Tour die bereits im Vorfeld als „nur für konditionsstarke Geher“ klassifiziert ist, wartet also auf mich. Beim Wechsel vom lockeren Turnschuh auf den festen Bergschuh, fällt mein Blick vom Parkplatz hinauf zum Kaiser – ich schüttele den Kopf, von hier unten ist es nicht nachvollziehbar, wie durch diese nackten Felswände eine Mischung aus „einfachem Klettersteig, und Bergpfad mit vereinzelten Kletterpassagen“ bis auf den Gipfel führen soll. Aber lange Rede, kurzer Sinn – wenn ich nicht langsam aufbreche, finde ich es nie heraus.

Vom Parkplatz aus, folgt man dem steinigen Weg in Richtung der Gruttenhütten nach oben – schon bald wird aus steil und geröllig, wieder etwas flacher und ein „Wo ist der Weg“-Ratespiel. Dem Herbstlaub sei Dank. Sobald man den Wald verlässt und die ersten Geröllrinnen passiert, kann man auch schon einen ersten Blick auf die Gruttenhütte erhaschen, danach wird es nochmal steil und schweißtreibend. Kaum an der – sich gerade voll im Renovierungsprozeß befindlichen – Hütte angekommen, werde ich mit einem herrlichen Ausblick auf die „Highlights von Tirol“ (Kitzsteinhorn, St. Johann, Kitzbühel und und und…) belohnt. Recht viel mehr wird weder mir, noch jemand anders angeboten, denn ein Schild „Saisonende & Renovierungsarbeiten“ weisen nochmals auf das Offensichtliche hin.

Genau hinter der Hütte folgt man nun dem Pfad bergauf. Achtung, lasst euch hier nicht ins Bockshorn jagen, denn auf keinem der Wegweiser und Schilder ist das anvisierte Ziel aufgeführt – aber dennoch seid ihr richtig. Nach nur wenigen Metern hält man sich links und hinter einer kleinen Kuppe zwischen Latschenkiefern findet sich ein Schild „Ellmauer Halt“. Ha, vorwärts voraus.

Schnell gelangt man in eine riesige Schutthalde und somit an den – zumindest aus Sicht des nackten Felses – Fuß des Kaisers. Ich verlasse den markierten Weg und steige über das Geröllfeld auf – in der Hoffnung hier ein paar überflüssige und zusätzliche Gehmeter einsparen zu können. Die ersten 15 Meter ein offensichtlich toller Plan, ab dann wird es Schwerstarbeit, ein Schritt nach vorne bedeutet 2 Meter zurück rutschen. Unfassbar anstrengend und nur beschwerlich zielführend. Endlich an der Wand angekommen, pfeifen direkt als eine Art Willkommens-Gruß eine Hand voll Steine an mir wie Gewehrkugeln vorbei. Spätestens hier heißt es für mich: Helm auf. Ich nutze die Gelegenheit auch gleich, um mein Klettersteig-Set anzulegen. #safetyfirst.

Ab hier geht es nun auf einem klitzekleinen Pfad immer am Hang bzw. der Wand entlang nach oben. Vereinzelte Stahlseil-Passagen bringen etwas Abwechslung in das konzentrierte Fuß-vor-Fuß durch die „Gamsänger“ setzen.  An der Jägerwand-Treppe ist es dann vorbei mit der Begehung dieses Grasbandes, hier bewegt man sich ausschließlich auf Eisen vorwärts. Zunächst geht es über eine Vielzahl von Stahlklammern in einem Balanceakt nach oben, dort wechselt man schließlich auf eine – nennen wir es mal – Hühnerleiter und schon ist diese vermeintliche Schlüsselstelle der Kategorie B überwunden.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt findet man sich im blanken Fels und Geröll wieder, obendrein wird es steil und „der Weg“ immer ausgesetzter. Ab hier beginnt man über zum Teil beachtliche Felsstufen im Bereich des I. Grades zu Klettern – bergauf ist das Alles kein Problem und macht trotz überwiegend ungesicherter Abschnitte keine Probleme. Meine Gedanken wandern kurz zum Thema „Abstieg“ und der Frage des „Wie“ – verdränge es aber wieder, da meine volle Konzentration auf Schlüsselstelle Nr. 2 liegen sollte.

Ich kann zwischen 2 Varianten der nächsten Aufstiegs-/Klettermeter wählen, zum Einen bietet sich auf der linken Seite ein steiler Kamin samt Altschnee-Resten (einer Menge!) und abschließendem Leiter-Ausstieg, zum anderen steiles B/C Klettersteig-Stück, dass von meinem Standpunkt wenig einsehbar ist, an. Ich wähle den Kamin; da ein Aufstieg durch den Schnee wohl klüger als ein Abstieg hierdurch ist – so habe ich auf dem Abstieg (hierfür wähle ich dann die rechte Variante) wenigstens etwas Abwechslung. Diese Entscheidung erweist sich als goldrichtig, denn das Schneefeld war ziemlich festgefroren und damit durchwegs als „rutschig“ zu bezeichnen – ein Sicherungsseil etc.: Fehlanzeige.  Mit eiskalten Fingern – aufgrund einiger Griffe in den Schnee – erreiche ich die Leiter und hagele mich nach oben.

Auf den nächsten Metern bis zur Not-Unterkunft namens Babenstuber Hütte (haha, nein, die ist nicht bewirtschaftet!) brennt die Oktobersonne ungehindert auf das Gipfelmassiv des Kaisers. Gut, so tauen meine Finger wenigstens wieder auf. Von der Biwak-Hütte aus bis zum Gipfel ist es nur noch ein sprichwörtlicher Steinwurf, sowie ein letztes einfaches Klettersteig-Stück, dass ohne Probleme bewältigt wird. Dann kann man mit dem Gipfelkreuz des Ellmauer Halt abklatschen, den wahrscheinlich dort Sitzenden ein „Berg heil“ zuraunen und sich dem 360° Panorama Österreichs hingeben.

Zeit für Brotzeit, Tee, Erholung und die Ruhe geniessen… apropos Ruhe, daraus wird – im positiven Sinne – nichts, denn eine Dohle ist ebenso an meinem Müsli interessiert wie ich. Letztendlich teilen wir den Riegel in trauter Zweisamkeit – kauend sitzen wir keine 30cm von einander entfernt und geniessen.

Was dann folgt, ist leider der Wermutstropfen an dieser Tour, denn „der Abstieg erfolgt über den Aufstiegsweg“. Das ist zum Einen etwas Schade, da man so keine Abwechslung hat, zum Anderen entpuppt sich der Abstieg bzw. die Abkletterei als wesentlich komplexer und damit zeitintensiver, als der Aufstieg. Aber kein Wunder, wer möchte sich auch nicht gerne etwas Zeit nehmen, wenn man – ungesichert – eine 2-3 Meter hohe Felsstufe hinabsteigen muss und dabei einen Tiefenblick von ca. 500hm hat. Da muss jeder Schritt sitzen (…und zwar die nächsten 1,5 – 2 Stunden, bis man wieder auf den „Normalweg“ trifft).

Nach insgesamt 6:48 Stunden erreiche ich dann schließlich wieder den Parkplatz der Wochenbrunner Alm – würde man meine Füße fragen, hätte die Tour auch kein Minütchen länger dauern dürfen. Ich blicke noch einmal zurück auf den nackten Fels des Kaisers im Gesamten sowie dem Ellmauer Halt im Speziellen – unfassbar, dass man durch diese Wand tatsächlich so „einfach“ aufsteigen kann.

Kann man aber, ich war schließlich dabei. 

 

FAZIT: 

Tja, was schreibe ich hier nun, ich bin zugegebenermaßen etwas gespaltener Meinung. Die Beschreibung, und vor allem die Bewertung des Gamsängersteigs fällt überall als „leicht bis mittel“ aus – diese Aussage ist definitiv keine Falsche, denn die wenigen Drahtseil-Elemente stellen wirklich kein großes Problem dar. Dennoch ist finde ich diese Bewertung etwas irreführend, geht man doch so von einer „recht einfachen Bergtour“ aus – dass ich mich aber dann selbst in ausgesetztem Fels, ohne Sicherungen und freikletternd wieder finde, ist gerade beim Abstieg schon ein kleines bisschen Herausforderung.

Ich teile hier eher die Ansicht der Website WilderKaiser.info, die diese Tour zumindest als „schwere und anspruchsvolle Bergwanderung“ klassifiziert.

Dass sich aber nahezu alle einig sind, dass diese Tour durchaus auch für Anfänger und Kinder geeignet ist, teile ich in keinster Weise. Aber möglicherweise bin ich hier auch der etwas „übervorsichtige“ Typ, schließlich waren von 12 getroffenen Gipfelbezwingern, lediglich zwei Mädels im Teenager-Alter und ich, die Einzigen mit Helm und Klettersteig-Set am Berg. Der Rest turnte, für mich absolut unverständlich, einfach so durch den Berg.
Nichtsdestotrotz, eine tolle Tour für geübte Berggeher mit Schwindelfreiheit – aufgrund ihrer Länge und der Eintönigkeit (Aufstieg/Abstieg), wird eine Wiederholung wohl lange auf sich warten lassen müssen.

 

So oft, wie aktuell der Berg ruft, kann ich gar nicht gehen…
Aber ich versuche es. 

R. 

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