DRACHENWAND

Klingt imposant, sieht imposant aus und ist es auch. Dabei geht es in dem folgenden Artikel um die verkannte Sportart „Klettersteig gehen“, was landläufig von der Kletterszene mit Kopfschütteln und allenfalls als Ersatzbeschäftigung für Leute die nicht klettern können abgetan wird.

Ein Glück, dass ich weder Kletterszene bin, noch dass der Trend oder der Coolness-Faktor einer Betätigung für mich im Vordergrund steht – möglicherweise ist aber der Grund, dass ich nicht (besonders) klettern kann auch ein Entscheidungsträger. Hauptsache es macht Spaß.

Lange Rede, kurzer Sinn – St. Lorenz am Mondsee im wunderschönen österreichischen Salzkammergut, ich komme!

Nach erstaunlicherweise gerade einmal 2 Std. Fahrzeit auf der A8, bin ich von München an meinem Ziel, dem Gasthof Drachenwand angekommen. Eine Parkgebühr von 2€ wandert in die linke Hand des Parkplatzwächters, in der rechten Hand hält er, der Uhrzeit geschuldet – es ist 9 Uhr morgens – sein Frühstück, eine Flasche Stiegl. Wow.

Kurzer Equipmentcheck:

  • Helm
  • Hüftgurt nach UIAA Norm
  • Seilbremse
  • Handschuhe
  • Helm
  • Sicherungsexpresse
  • Wasser & Energieriegel
  • Handy
  • Erste Hilfe Set
  • Wechselshirt

Alles da, was man so braucht – Rucksack gefüllt, eine Schicht Sonnencreme aufgetragen und los geht es. Vom Parkplatz des Gasthofs wandert man den gut ausgeschilderten Feuerwehrsteig, immer mit dem Ziel „Drachenwand“ etwa 20-25 Minuten nachoben. Passiert eine kleine Kapelle, überquert eine Brücke und hält dann zwingend die Augen offen, denn der Einstieg zum Steig und der damit verbundene Anseilplatz befindet sich etwas versteckt, wieder rechtsseitig des Flußbettes. Daher gilt, volle Konzentration auf die Markierungen und die dazugehörigen roten Pfeile auf diversen Felsen.

Am Anseilplatz sollte man SPÄTESTENS nochmals alle Details des Drachenwand-Klettersteigs auf sich wirken lassen, die Schwierigkeiten der einzelnen Sektionen (B/C mit einigen D Elementen) checken, sowie die Faktoren: Helmpflicht, keine Ausstiegsmöglichkeiten und für/mit Kindern verboten, zwingend beachten. Des Weiteren gilt, auf keinen Fall bei Nässe begehen und wer nicht zu 110% Schwindelfrei ist, braucht erst gar nicht weiter drüber nachdenken.

Gurt an, Helm auf, ein kurzer Karabinertest der beiden Seilbremsenden – testen ob alles richtig sitzt und nicht mehr als eine Handbreit Spiel im Gurtsystem ist. Passt alles? Dann los. Einklicken in 20 Sektion oftmals fast vertikales „Klettern“ auf den 1.060 m hohen Gipfel. Über eine erste Eisenleiter geht es direkt steil nach oben. Danach warten bis zur 5ten Sektion dem Gamserlgarten keine größeren Schwierigkeiten oder Herausforderungen, einfach herrlich. Am Gamserlgarten ist die einzige Stelle, auf der man sich kurz ausklicken muss und ca. 20 m gerade über ein annähernd weitläufiges Fels- Waldplateau läuft, um dann direkt ins Energie-Wieserl einzusteigen. Ab jetzt heißt es Sonne pur. Kombiniert man das mit Kraftaufwand und Adrenalin, fühlt man sich keine 10 min. später, als würde man in der finnischen Sauna eine Intervall-Trainingseinheit unter Gunnery Sergeant Hartman durchführen. Dennoch, arg schee is.

Zusätzlich heißt es aber:  wachsam bleiben, denn ab Sektion 6 trifft man auf immer mehr lockere Steine, Felstritte und Griffe – dass bedeutet in der Umsetzung: schauen, Griff/Tritt checken und erst dann steigen oder greifen. Trotz dieser allgemein bekannten Routine fällt einige Male der Schrei von weiter oben aus der Wand „STEIN“ und man zieht instinktiv den Kopf ein – Gott sei dank, kam weder einer der flüchtigen Gesteinsteile in meine Nähe oder traf mich gar.

In der Sektion 13der Franzosenschanze – heißt es dann eine Entscheidung treffen, sich eher links halten und eine vermeintlich leichtere Route wählen, oder dem Pfeil nach rechts mit dem Wort Hängebrücke folgen. Keine Frage oder?

Die Hängebrücke und die darauf folgende Pfeilerwand inklusive dem Pfeilerquergang haben es zum Teil wirklich in sich. Ich muss zugeben, hier rettete mich an 2-3 Stellen definitiv die eigene Muskelkraft, da es hier offensichtlich an der Technik – oder dem Vertrauen zum Fels – mangelt.

Am Zackengrat kurz unterhalb des Gipfels angekommen, neigt man schon zum Frohlocken, ich mahne mich aber selbst zu keinem vorschnellen Jubel und Konzentration bis zum letzten Ausklinken.

Ich passiere eine Gruppe von 3 Mädels aus dem osteuropäischen Raum und kriege allein beim Anblick ihrer Schuhe schon Schwindelgefühle; wie man mit solch ausgemergelten Turnschuhe ala Kik den Weg bis hier oben geschafft hat, ist mir absolut schleierhaft. Nicht drüber nachdenken – weiter.

Die Gipfelwand ist dann, um es auf bayrisch zu sagen, nochmal ein „echter Hundling“. Wenig (oder als solche zu erkennende) Tritte, große Abstände, kraftraubend und dass alles nach bereits 2 Std. Kletterei im Körper. Ich pumpe, schwitze und schnaufe was das alte Gerüst von Körper noch hergibt. Ich lasse das Wandbuch sträflicherweise ohne Eintrag links liegen, schwinge mich nach über 400 hm Kraxelei über den letzten Felsen, sehe das Stahlseilende und klicke mich aus Selbigem aus. Geschafft. Unfassbar. 

Der Ausblick von hier oben ist überwältigend, der Rückblick auf das eben gerade Erlebte, aber nicht minder atemberaubend. Ich sitze grinsend ans Gipfelkreuz gelehnt, geniesse einen Müsliriegel und eine Packung Studentenfutter und denke über die Tatsache nach, dass ich gerade dem Drachen des Mondseelandes aufs Dach gestiegen bin. Na gut, ich gebe es zu, auch an Radler & Kaiserschmarrn im Tale muss denken.

Auch wenn es noch so schön ist, Aufbruch. Der Abstieg erfolgt zunächst auf einem typischen kleinen Fels- und Waldsteig steil bergab, hierbei geben einem diverse Wurzelteppiche erstaunlich schwierige Tritträtsel auf. Dann ist mein Staunen groß, ein steiler Gegenhang tut sich in meinem Abstieg auf und ein freundliches Schild lächelt mich an „Die Rache des Drachen“. Verdammt, hat der alte Lindwurm also doch noch das letzte Wort. Ich schnaufe mich den Anstieg nach oben. Sobald der 2te Teil des Abstieges beginnt, wird es dann auch (noch) etwas ruppiger und rauher als zuvor – stahlseilversicherte Felsbrocken und eine Unzahl von Trittleitern bringen einem dem Tal immer näher, bis man irgendwann wieder auf dem bereits bekannten Aufstiegspfad ankommt. Wurde aber auch Zeit, denn meine beiden Knie pfeifen dank des 1,5 stündigen Brutalo-Abstiegs auf dem letzten Loch. Bergab ist und bleibt doof.

Drachenwand wir sehen uns wieder; ein wirklich sehr sehr gelungener Klettersteig. Einzig das Drachenloch – ein begehbares Loch in der Felswand – kurz unterhalb des Gipfels blieb mir verwehrt. Da hier jegliche Markierungen etc. fehlen, heißt es wohl „Locals only“. Egal, ich komme wieder.

Wo Begeisterung entsteht, ist der Gipfel der Welt – und heute war dieser am Mondsee.
R

 

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