FERNWANDERN – TEIL 2

>> den ersten Teil des Artikels findest du unter FERNWANDERN <<

Tag 3, im Frühstücksraum trifft man wieder auf die versammelte Mannschaft, Team Weißbier, die Muttis und das holländische Duett sind fast alle wohlauf und anwesend. Einer des Duetts allerdings hat sein Bein dick eingebunden und kann kaum mehr laufen, er hat sich beim Abstieg über die Kuhtrittkrater-Weiden laut eigener Aussage übelst das Knie verdreht, auf seiner heutigen to-do-Liste steht daher ein Besuch des Krankenhauses in Westendorf. (Dieser Besuch brachte dann auch direkt das Aus für das Duett mit sich, da das Knie wohl schlimmer lädiert war).
Für alle anderen heißt es heute, ab in die naturgewordene Einsamkeit, denn die Chance auf einen anderen Wanderer, Almwirt oder sonst jemandem zu treffen, ist bis kurz vor dem heutigen Ziel namens Aschau nahezu auszuschließen. Holland und Muttis fallen schnell zurück und es lassen sich zügig Meter auf der Forststraße nach oben machen. Das Wetter heute ist ein Traum, blau-weißer Himmel, kräftige Farben dank morgendlicher Sonneneinstrahlung und eine leichte Vermutung, dass das wohl der Vorbote, der angekündigten Hitzewelle ist, lassen die Beine nochmals ein wenig schneller gehen. Über einen kurzen steilen Steig – dass selbiger von Kühen völlig zertrampelt ist, brauche ich nicht zu erwähnen – geht es schnurstracks auf die Hinterkarscharte zu. Die Durchschreitung der Selbigen ist Naturkino auf Oscar-reifem Niveau. Den großen Rettenstein immer vor Augen, geht es bei warmen sommerlichen Temperaturen bergab. „Lekka Bier’che wia kommen“ schallt es, als 12 Füße an mir vorbei ins Tal trampeln; kein Kommentar. Aufgrund der anhaltenden mangelhaften Kartenlesefähigkeiten der Holländer, sitze ich allerdings bereits längst bei Kaiserschmarrn und Radler in der Labalm kurz über Aschau, als Team Weißbier endlich eintrudelt. Während dieser vermeintlich kurzen Einkehr hat irgendjemand erbarmungslos am Thermometer gedreht und das letzte Stück von der Labalm bis zur heutigen Unterkunft, dem Aschauer Hof, zieht sich schier ins Endlose. Nach 1,5 Std. Teerstraßenplatttreten, erreiche ich – zugegebenermaßen – total kaputt, mit müden Beinen und schmerzenden Fußsohlen das Ziel. Sehe ich da einen Pool? Ich schaffe es gerade noch meine Pally’Hi Short gegen eine Badehose zu tauschen und falle ins schockierend kalte Wasser. Ein Traum. (Was man übrigens vom Essen nicht behaupten kann, aber lassen wir das).
Erneut endet ein 18,7 km langer Tag bereits mit den ersten Momenten der Dunkelheit… Wo sind nur die Holländer und der Mutti-Trupp abgeblieben?

 

In Anbetracht der Hitze des gestrigen Nachmittags, klingelt der Wecker an Tag 4 noch früher als sonst. Die Sonne strahlt bereits kräftig ins Zimmer und ich mache einen Temperaturtest auf dem Balkon. Was muss ich sehen? Die Muttis kämpfen sich bereits hinter dem Hotel den Hang nach oben. Jetzt aber schnell.
Die Holländer sitzen auch bereits beim Frühstück, wir Wandernasen ticken dann halt doch alle irgendwie gleich – gut, obendrein möchte auch keiner am Berg verglühen.
2 Semmeln und ein Rührei später mache ich mich an den 1.100 hm Aufstieg in Richtung des Pengelstein und bereue bereits nach gefühlten 8 Metern des Weges überhaupt gefrühstückt zu haben. Der schmale Pfad schießt dermassen steil in die Höhe, dass ich bereits nach wenigen Minuten keuche wie Monica Seles im vierten Satz beim Tie-Break. Der Weg behält seine Intensität bis man auf dem markante Bergrücken etwas unterhalb des Pengelsteins-Gipfels angekommen ist, bei – die Temperaturen steigen allerdings stetig an. Heilige Sch…; dachte ich wirklich noch vor 2 Tagen fast erfrieren zu müssen?
Die Gipfelhütte des Pengelstein ist (zum Glück) bewirtschaftet und ich schütte gekühlten gespritzten Almdudler in rauen Mengen in mich hinein. 3 Tische weiter hängen die Muttis ebenfalls in den Seilen, bzw. den Stühlen – immerhin eingeholt: check! Ein Viertelstunde später trifft auch Team Weißbier ein und bestellt direkt lauthals – noch ehe sie einen Sitzplatz haben – ihre bevorzugte Team-Kaltschale.
Ich will Zeit und mir selbst Hitze sparen und breche auf. Vom Pengelstein quert man einmal das gesamte Skigebiet Kitzbühel, passiert die Fleckalmbahn und kommt letzten Endes am Starthäuschen der Streif, sowie der Bergstation der Hahnenkammbahn raus. Laut Tourenkarte warten jetzt 1.300 Höhenmeter Abstieg, die mit ca. 3 Std. Zeitaufwand verortet sind, auf mich. Das Thermometer an der Aussenwand des Kabinenbahnbaus zeigt 28° – ich fälle eine für mich ungewöhnliche, aber für meine Knie äußerst löbliche Entscheidung: Ich werde bescheissen. Gedacht, getan – ich kaufe ein Talfahrt-Ticket und schwebe knieschonend in 10 min. ins Tal.
In Kitzbühel selbst steht die Luft und ich beglückwünsche mich selbst nochmals zu dieser Entscheidung, auch wenn damit heute nur 12 Kilometer auf mein Konto wandern; egal. Ich checke im Gasthof Eggerwirt ein und versuche den Kaltwasservorrat des Hauses leer zu duschen. Darauf folgt ein Ausflug zur Eisdiele ums Eck und was sehen meine Augen, die Muttis biegen auch bereits ums Eck, rein zeitlich gesehen, müssen sie sich auch pro ihrer Knie und contra der Begehung der legendären Streif entschieden haben. Team Holland bleibt verschwunden, bzw. vermute ich, dass bei diesen Temperaturen jede noch so kleine Alm für „lekka Bier’che“-Pause genutzt wird.

 

Der Wecker klingelt wieder früh. Sehr früh. Das Bett, ach was, das ganze Zimmer ist toll. Mein Körper will liegenbleiben. Meine Füße erst recht, hilft aber nichts, Tag 5 ist angebrochen. Heute steht die Überquerung des 1.997m hohen Kitzbühler Horns auf dem Tagesprogramm, das bedeutet happige Anstiege und abermals nicht enden wollende Abstiege. Während des Frühstücks schnappe ich vom Mutti-Tisch den Satz  „…laut dem ORF Wetterbericht der heißeste Tag des Jahres…“ auf; Vorfreude macht sich breit. Ich packe meine sieben Sachen und hüpfe in meine dünne Houdini-Pant und das luftigste Shirt, dass ich dabei habe. Fülle alles was sich nur irgendwie auffüllen lässt mit Wasser und starte in der Pole-Position zur heutigen Etappe. Während ich durch den noch menschenleeren Ortskern von Kitzbühel laufe (ich spähe in jede Bar, ob ich irgendwo das evtl. versumpfte Team Holland entdecke – keine Spur), studiere ich das Kartenmaterial. Hier wird aktiv auf das mögliche Abkürzen des gewaltigen Aufstiegs zum Horn hingewiesen, man könne die erste Sektion, Sektion 1 & 2 oder gar die direkte Gipfelbahn benützen. „Heißester Tag des Jahres“ schallt es durch meinen Kopf, was solls denke ich mir und löse ein Sektion 1 Ticket für die Erste – naja, gut wahrscheinlich 4 oder 5te – Gondel des Tages. Von der Adlerhütte geht es immer noch 800 Höhenmeter bergan bis auf den Gipfel des Horns; was zunächst mit einigen wenigen Kehren im Schatten des Waldes beginnt, endet leider auf der Teerstraße die sich in der prallen Sonne erbarmungslos nach oben windet. Ein kurzer Abstecher durch den Alpengarten bringt etwas Abwechslung, bevor man dann den Ausblick der Ausblicke in alle Himmelsrichtungen auf fast 2.000 über dem Meeresspiegel genießen darf.
Dank der Gipfelbahn fühlt es sich auf dem Gipfel aber als bald an, wie auf dem Münchner Marienplatz und es ist Zeit zu gehen. Kleine Randnotiz, empfand ich an Tag 1 das „Kolonnenwandern“ noch als störend, erwischte ich mich mtllw. doch des Öfteren dabei, wie mein Kopf zu Gedanken ala „Wo Team Holland nur ist?“ und „ob die Muttis wohl den Aufstieg packen“abwanderte.
Der Abstieg vom Kitzbühler Horn über Harschbichl hat es in sich, zunächst eher technischer und wegbeschaffenheitlicher Natur, später dann wirkliche Gluthitze gepaart mit einem schier endlosen Abstieg von 1.350 Tiefenmetern. Gegart, ausgedörrt, mit erschöpften Beinen und mehr als strapazierten Knien und Fußsohlen (Bergab ist doof!) erreicht man aber dann doch endlich das – unfairerweise bereits weit vorher sichtbare – Ziel der Etappe, das Hotel Crystal in St. Johann. Keinen Meter mehr beschließe ich beim Betreten des Eingangsbereichs, 3 min. und eine Unterhaltung mit der Dame an der Rezeption später ist klar, welch ein Trugschluss. Hotelgäste erhalten freien Eintritt ins öffentliche Freibad von St. Johann. Ein nicht mehr für möglich gehaltener Hochgeschwindigkeitsklamottenwechsel, 800 Meter Fußweg und einen Kopfsprung später, tauche ich aus dem kühlen Nass des Beckens auf. Unbeschreiblich herrlich.


Tag 6, oder wie wir Fernwanderer sagen, das große Finale. Im Frühstücksraum dann ein großes Hallo und eifriges Gewinke von der einen in die andere Ecke, denn die Muttis saßen abermals schon gemütlich zu Tisch. Team Holland Fehlanzeige; bis zuletzt blieben die Weißbier-Jünger verschwunden und verschollen; schade – hatte ich mir doch fest vorgenommen, nach Beendigung unserer Tour mit ihnen zusammen noch ein Weißbier zu köpfen. Laut der offiziellen Beschreibung liest sich (für mich!!) die heutige Etappe als eher gemütlich und ich rechne mit einem Ausklang ala der Tour des ersten Tages. Dennoch wird schnell und früh aufgebrochen, den Muttis ein „wir sehen uns im Ziel“ zugeraunt und los gehts. Die ersten 4-5 km frisst man zügig im flachen Land von der Uhr und lässt einen verzückt annehmen, dass wird heute ne kurze Nummer. Weit gefehlt. Der Aufstieg in Richtung Adlerspoint führt Anfangs durch einen rein optisch als Märchenwald zu bezeichnenden Nadelwald, herrlich – später allerdings gibt es Sonne satt und der Steig/Pfad wird immer steiler und steiler. Auf der Hochalm unterhalb des Baummooskogels heißt es sich zu entscheiden, Variante A) sich am wiederum grandiosen Ausblick erfreuen oder B) konzentriert versuchen zu atmen. Was jetzt lächerlich klingt, fühlte sich wirklich so an, die Luft war so heiß und dick, dass man sich aktiv bemühen musste, diese einzuatmen. Brutal. Wäre das nicht schon mentale Herausforderung genug, legte der gelbe Wegweiser zum Adlerspoint noch eine Schippe nach, auf jedem und ich meine jedem dieser Schilder stand: Gehzeit 1 Std. 15 min. Frustration pur beim spätestens 3ten Schild und bereits verstrichen 45 min. Ein erneuter steiler Anstieg und der letzte höchste Punkt der gesamten Tour war nach 1.000 hm Kampf gegen die Sonne erreicht. Wie herrlich es ist, sich einfach mal auf eine Wiese fallen zu lassen, in dem Wissen ab jetzt nicht mehr bergauf laufen zu müssen. Nach einer kurzen Verschnaufpause wird es ohne dem geringsten Fleckchen Schatten einfach unerträglich heiß und ich lege direkt mit dem Abstieg nach. Pfff, gestern soll der heißeste Tag gewesen sein? Heute fühlt es sich an, als hätten wir die doppelte Temperatur von gestern. Wenn man die Gerstbergalm erreicht, kann man im Tal bereits die ersten Häuser von St. Ullrich im Pillerseetal erkennen – dem finalen Zielort des KAT-WALKs. Darauf ein Radler, oder zwei! Von meiner Bestellung nur kurz gestört, gesellt sich die Hüttenwirtin wieder zu den 3 Einheimischen, die vor einer nahezu leeren Obstler-Flasche sitzen und lautstark versaute Witze erzählen. Almromantik pur. Als einer der Drei dann seine Ziehharmonika zückt und ein wilder Volksmusik-Soundclash entsteht, heißt es für mich: Aufbruch. Ich eile über die Forststraße dem Tal entgegen, verfolgt von den Klängen des Schifferklaviers und des schiefen Gesanges, sehe ich schmunzelnd nach oben und sehe gerade noch, wie die Muttis unter großem Gejohle an der Hütte ankommen. Na dass kann ja was werden.
Ich hingegen mache Schritt für Schritt und setze wie in Trance einen Fuß vor den anderen – und doch kommen weder das Tal, noch das Ortsschild, geschweige denn das erlösende Etappenziel namens Hotel Pillerseehof irgendwie näher. Und wo zur Hölle ist denn dieser See eigentlich? Doch dann war es soweit, auf ebenen Boden folgte eine Linkskurve auf die Hauptstraße, dann noch vorbei am Gemeindeamt, aus den Augenwinkeln erkenne ich auf der Anzeige über der Sparkasse mickrige 32 Grad Aussentemperatur aufblinken und schließlich schlurfe ich die Treppen zur Rezeption nach oben. Nehme die Glückwünsche zur Beendigung der großen Variante des KAT-WALKs nach heutigen – im wahrsten Sinne des Wortes – saftigen 22 Kilometer, sowie meinen Zimmerschlüssel entgegen.

GESCHAFFT. Und geschafft. Dass das Hotel seine besten Zeiten, zeitgleich mit den Chart-Erfolgen der Beatles feiern durfte, ist mir herzlich egal. GESCHAFFT.

Jetzt heißt es erstmal:
Wanderstiefel aus.
Socken aus.
Pool ich komme (die 2km zum See kann laufen wer will).

Bis ich alles Revue passieren habe lassen, alle Eindrücke verarbeitet und jede Etappe im Geiste nochmal gegangen bin, wird es sicherlich noch ein paar Tage dauern, dennoch ist jetzt schon ein Fazit möglich: WAS. FÜR. EINE. WAHNSINNS. TOUR. 

I AM WALKING
R

#mountainlove

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