AUSZEIT

Das Wort Auszeit ist einem heutzutage entweder als Werbeversprechen unterschiedlichster Marken oder als der eigene tiefverwurzelte Wunsch einfach mal Nichts zu tun ein Begriff. Arbeit Arbeit sein zu lassen, eMails und Telefonanrufe zu ignorieren und bestenfalls auch gleich dazu noch auf Reisen zu gehen. Mit einem Wort, Flucht aus dem Alltag. Ein in der heutigen Welt scheinbar erstrebenswerteres Ziel als alles andere.

Ich kenne kaum jemand, der sich nicht seit einiger Zeit den Kopf zerbricht, wie man denn die normalen 24/7 Tätigkeiten ablegen und hinter sich lassen könnte, oder wie man es zumindest schafft aus den vom Chef maximal erlaubten 3 Wochen Urlaub am Stück, doch evtl. 4 oder 5 machen zu können.

Dass bei dem heutigen Workload, der generell sehr schnelllebigen Zeit und der nahezu rundum die Uhr Beschallung mit Informationen und Einflüssen, der Ruf nach Ruhe und Ablenkung immer lauter wird, ist daher auch kein Wunder. Und vor allem nachvollziehbar.

Mein persönlicher Seelenheilsbringer ist bzw. war hier immer der Sport. Weniger weil ich so ein Bewegungsjunkie oder ähnliches bin, sondern viel mehr, um den Kopf auszuschalten und eben für ein oder gar mehrere Stunden aus dem Alltag ausbrechen zu können. Denn mit dem Beginn nahezu jeglicher sportlichen Betätigung, schaltete sich mein Kopf einfach „aus“ – hinfort waren die anstehenden Deadlines irgendwelcher Projekte, ich verlor keinen Gedanken mehr über einen weiteren Lösungsansatz über Problem X, egal waren die 18 ungelesenen Mails im Posteingang und und und…

Aus diesen Momenten zog ich werktags und in geballter 48 Stundenform am Wochenende meine Energie, meine Ideen und meinen Antrieb aus den unterschiedlichsten Facetten des Sportes. Kein work hard, party hard Leben, kann mir das ersetzen, was ich durch den Sport und seinem Umfeld als Ausgleich geboten bekomme.

Jetzt, mit Schulterverletzung und absolutem Sportverbot, sieht meine Laune ganz ganz anders aus. Der mentale Ausgleich fehlt, die Batterien sind leer und die Motivation ist flöten. Wenn ich das Woche für Woche meiner Physiotherapeutin erzähle, schlägt sie mir meist vor, ich solle doch einfach am Wochenende ein Buch lesen, da könnte man auch gut abschalten – Sport sei ja nicht alles.  Ich sehe sie jedesmal wieder ungläubig an – sie hat ja nicht unrecht – aber das ist (für mich) einfach nicht das Gleiche bzw. das Benötigte.

Zum Glück gibt es für mich noch den Punkt „draussen sein“, und da mir an den Füßen nichts fehlt und der Winter in diesem Jahr eher einer Lachnummer gleicht, sind (ungeliebte) Spaziergänge, kleine Bergtouren oder Wanderungen am Wochenende machbar. Besser als nichts.

Und in dem Moment, in dem ich am Fuße des Wallberges aus dem Auto steige, die Bergstiefel schnürre und einen Fuß vor den anderen setze, ist der Kopf wieder schlagartig aus. Wie heißt es doch so schön: die Gedanken sind frei.
Eineinviertel Stunden später sitze ich auf der Terrasse des Wallberghauses, gratuliere dem Hüttenwirt Hanno zu seinem, dank der Feiermeute offensichtlichem, 40. Geburtstag, bestelle einen unfassbar leckeren Kaiserschmarrn und geniesse die Sonne. Starre hinaus in das vor mir liegende Bergpanorama und versuche alle Berggipfel ihren richtigen Namen zuzuordnen. Eine gedankenverlorene und herrliche Beschäftigung, die perfekt zu meinem mttlw. 2ten Cappuccino passt.

Im Sommer ist es an manchen Tagen hier oben nahezu ein touristisches Unding, daher ist für mich der Wallberg ein klassisches Winterziel. Zu dieser Jahreszeit hat man meist seine Ruhe und es sind selten mehr als 5-6 Tische besetzt. Schade für die Wirtsleute, ein Segen allerdings für Auszeitsucher.

Auf das Wallberghaus führen insgesamt 3 Aufstiegsrouten, ich wechsle ab und steige einen anderen Weg hinab, als wie ich hierauf gekommen bin. Genieße dabei den ab und zu zwischen den Bäumen auftauchenden Blick auf den Tegernsee und freue mich über die spürbar volleren (Mental-)Akkus.

Selbige aufzuladen, kann somit also ganz einfach sein. Es braucht keine großen Pläne, kein Adrenalin, keine Action, keinen großen Aufwand. Eine 40 minütige Autofahrt von meiner Haustür aus, bringt mich ins Auszeit-Mekka schlechthin, die Natur und die Berge.

Dank „draussen“ kriege ich das schon hin mit dem Sportverbot.

Merkt euch, in der Stille hört man die Welt.
R

 

2 Gedanken zu “AUSZEIT

  1. #stayfocus ein zwar mittlerweile stark strapaziertes allerwelts Wort, dennoch haben viele Coaches recht damit. Oft ist ein langer Weg der zum Erfolg führt, daher bleib stark der Tag wird kommen!
    Zum Thema Kaiserschmarrn, den besten den ich je gegessen habe war an der Talstation der Skipiste am Tegernsee. Die Hütte wird (wurde?) geführt von zwei Jungs die früher mal hochwertigere Gastronomie betrieben haben. Und hier schließt sich der Kreis beide hatten auch keine Lust mehr auf den alltäglichen Wahnsinn und haben entschieden eine Auszeit zu nehmen, weniger zu verdienen aber dafür jeden Tag auf die Berge zuschauen. Was sehr interessant ist, die beiden fahren viel herum auf der Suche nach kleinen Betrieben die noch ursprüngliche Lebensmittel herstellen auf alte Art und Weise.

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