WINGS FOR LIFE RUN

Eins möchte ich direkt mal vorab schicken, ich war und bin kein großer Läufer. Dennoch leckte ich über die Jahre immer wieder Blut beim Thema Laufsport und stürzte mich mehr oder weniger erfolgreich ins Geschehen.

Allerdings habe ich das Laufen gefühlt öfter beendet, als ich es begonnen habe. Mal begann ich das Laufen um ein wenig Gewicht zu verlieren, mal ging ich aufgrund des schönen Wetters laufen und selbst die Entdeckung eines neuen Paares Laufschuhe waren Gründe um mal eben schnell mit dem Laufen zu beginnen. Genauso spontan habe ich dann zum Teil aber meine „Karriere“ auch wieder in den Sand gesetzt.
Fazit: Laufen ist doof, Laufen macht keinen Spaß und allem voran, ich kann es eben auch nicht.

Eine wirklich große Laufmotivationswelle erfasste mich dann ca. vor 5 Jahren, damals war ich total on fire und begann im Januar bei Eiseskälte und Schnee mit der Lauferei. Diesmal blieb ich dran, erstellt mir einen Laufplan, abonnierte die Runners World und lief mehrmals die Woche. Genau hier setzte der mir oft aus dem Freundeskreis attestierte „Hang zum Extremen“ dann ein, ich begann tatsächlich besser zu werden, was mich wiederum nur noch mehr anspornte. Ich ging noch öfter laufen und feilte an meiner Zeit; die Tatsache ob das sinnvoll, geschweige denn gesund war, blendete ich vollkommen aus. Der Blick auf meine Laufapp verriet, ich wurde – in meiner Dimension – immer besser und siehe da, der Spaß stieg auch an.

Eines Tages musste ich allerdings feststellen, irgendwas ist mit meinen Knien faul. Gehen tat weh, sitzen tat weh, selbst liegen tat weh – verdammt, ich wollte doch am Abend laufen gehen. Stattdessen: Arztbesuch. Diagnose: beidseitiges Patellaspitzensyndrom, zu deutsch, eine Entzündung der Sehne unter der Kniescheibe. Na bravo. Aus war es mit der Lauferei, denn die empfohlene Therapie hierfür lautete, am besten eine ungefähre Ruhepause von 6 Monaten einzulegen.

Nachdem ich mich, aufgrund meiner gesundheitlichen Ausrede, ganz dem Nike-Kampagnen Motto „Running sucks“ verschrieben hatte, war es letztendlich aber der B2Run 2014, der mich zurück zum Laufen brachte. Hierfür hatten mein alter Arbeitgeber und ich eine nette Charity-Aktion ausgetüftelt, bei der jedermann, die teilnehmenden Läufer aus unserer Agentur challengen konnte. Lief der oder die teilnehmende Läufer/Läuferin schneller als die gechallengede Zeit, musste der Herausforderer einen kleinen monetären Obulus bei der Christoph-Metzelder-Stiftung hinterlassen.

Und genau bei dieser Herausforderung wollte ich dabei sein. Ängstlich und mit einem stets bangen Blick zu meinen Knien begann ich wieder einmal mit dem Laufen. Diesmal allerdings mit Maß und Ziel. Natürlich wollte ich meine Challenge schaffen, aber eben nicht um jeden Preis. Ja, man wird tatsächlich älter und lernt noch dazu. Ich lief zweimal die Woche, meist wirklich kurze Distanzen und baute diverse Fahrtspielchen und Intervall-Trainings in meine Hausrunde ein. Und verdammt, es machte richtig viel Spaß.

Meinen Betrag für die Stiftung von Metze habe ich – wie auch alle anderen Teilnehmer aus unserer Agentur – erlaufen und war mächtig stolz auf mich und den Rest der Truppe. Zeitgleich wurde mir klar, nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Was in meinem Fall bedeutete, ich blieb dran und lief weiter.

Gut, zugegebenermaßen nicht mehr nach Plan, ohne großes Trainingskonzept oder gar mit eiserner Kontinuität, dennoch, ich lief. Mal einmal die Woche, mal zweimal im Monat, egal, denn im Groben blieb der Fakt, dass ich dem Laufen bis dato nicht mehr den Rücken gekehrt habe.

Irgendwann stolpert ich dann im Internet über die Anmeldung zum Wings for Life Run 2015. Gehört hatte ich darüber schon eine Menge, hatte es aber nie als für mich relevant eingestuft. Diesmal war das plötzlich anders. Ich bin ein 5-10km Läufer, mit kaputten Knien, wie weit würde ich wohl kommen, schoß es mir durch den Kopf? Im nächsten Moment konnte ich mich dabei beobachten, wie ich das Anmeldeformular ausfüllte und auf den Senden-Button drückt. Hell yeah.

Meine Versuche, Freunde und Kollegen ebenfalls zu einer Anmeldung zu motivieren bzw. zu drängen, scheiterten kolossal – letzten Endes war klar, ich würde den Lauf offensichtlich alleine bestreiten müssen. Zugegeben wirkte das etwas demotivierend und ich schob den „Trainingsbeginn“ für den großen Lauf stetig vor mir her. Plötzlich wurde es laut Kalenderblatt April und ich war mehr Skifahren als Laufen gewesen – Panik setzte ein, jetzt aber: Attacke.

Nun ja, bis zum Startschuss am 3ten Mai war ich dann aus Trainingszwecken satte 4mal laufen. Alles Distanzen in meinem gewohnten Raster, zu einem so genannten langen Lauf konnte ich mich einfach nicht aufraffen.

So stand ich dann bei strömendem Regen im Münchner Olympiapark im Startbereich des Wings for Life Run und fragte mich ernsthaft, was ich hier wollte. Egal, ich war hier und wollte dass jetzt auch durchziehen. Mental war ich im Kopf irgendwo auf ein (Traum-)Finish bei 15-17 km aus.

(Anm. d. PJ: beim Wings for Life Run rennt man vor der sprichwörtlichen Ziellinie weg; diese fährt in Form eines Autos hinter den Läufern her; wird man überholt, ist das Rennen an diesem Wegpunkt zu Ende)

Startschuss. Und los.

Zunächst ging es kreuz und quer durch den Olympiapark, danach durch angrenzende Wohngebiete stadtauswärts ins Niemandsland mit grober Richtung Dachau. Ich versuchte ein für mich gutes Tempo zu finden und selbiges auch zu halten, während ich mich von der Masse der Läufer mitreißen liess. In den Wohngebieten standen die Menschen auf den Straßen, hingen in den Fenstern und klatschen und jubelten was das Zeug hielt – seltsames Gefühl, aber es machte einen komplett vergessen, dass man eine Laufnull war. Fame und Applaus für 1m.

Je weiter wir hinter die Stadtgrenze von München kamen, desto schwerer wurden meine Beine und ich merkte auch, dass das Tempo ein wenig nach unten ging. Moment mal, was war denn das gerade? Ich war soeben schnurstracks an der 17km Marke vorbeigelaufen. Das Schlimmste daran war – klar ich merkte meine Beine – aber hey, da ging schon noch was. Los Junge, die 20 schaffst du. Allein bei dem Gedanken, musste ich grinsen, so ein Irrsinn.

Als Mr.-kaputte-Knie-und-noch-nie-über-10km-gelaufen dann tatsächlich an der 20km Marke vorbeilief, packte mich die fixe Idee: Halbmarathon-Distanz! Jetzt! Das muss doch noch zu schaffen sein, bevor dieses blöde Auto an mir vorbeizog. Panischer Blick nach hinten, nichts zu sehen, panischer Blick auf die Uhr, weit konnte die mobile Ziellinie aber nicht mehr sein. Los jetzt, Vollgas.

Bei dem Wort Vollgas, lachte mein Körper laut auf, denn nichts ging mehr – die Füße wollten den Boden eigentlich nicht mehr verlassen, meine Oberschenkel fühlten sich an wie aus Beton gegossen und ich pfiff auf dem letzten Loch. Egal, weiter. 

Ich bog um eine Rechtskurve, und dort am Ende eines Maisfeldes prangte das Schild „Halbmarathon-Distanz“. Ich musste es einfach schaffen, einen Fuß vor den anderen. Schneller. Wo ist das Auto? Bitte nicht, so knapp davor.

Geschafft. In den Augenwinkeln sah ich die HM-Markierung an mir vorbeiziehen, yiiihaaaaa. So und jetzt mal ernsthaft wo blieb das verdammte Auto? Ich will nicht mehr.

400m später war es dann soweit, ich wurde hupend überholt! Sah übrigens nicht schön aus, war mir aber egal! Aus und vorbei; was für ein Wahnsinnslauf.

Ich kann diese Veranstaltung nur jedem ans Herz legen, ob Anfänger oder Crack, lasst euch nicht beirren – lauft mit und lasst euch von der Stimmung tragen. Ich bin mir sicher, dass diese Art von Läufen den maximalen Spaß für alle Teilnehmer bietet und nahezu aus jedem ein überraschendes Ergebnis heraus kitzeln wird.

Und ja, ich laufe immer noch. Auch wenn sich manche Dinge in meinem Blog schon wieder etwas nah am „Extremen“ anhören bzw. lesen, habe ich meine Knie und meinen Körper fest im Fokus. Ebenso habe ich kein festes oder fixes Laufpensum, das ich runterspulen will oder gar muss, ich gehe dann Laufen, wenn ich Bock dazu habe. Ob das dann eine Feierabend-Runde, ein Berglauf oder eine längere Trailrunning-Einheit ist, spielt eigentlich keine Rolle mehr.

Run Boy Run
R

Ps: der nächste Wings for Life Run startet am 8. Mai 2016 – bedauernswerterweise bin ich aus privaten Gründen verhindert.

 

Ein Gedanke zu “WINGS FOR LIFE RUN

  1. „… Genau hier setzte der mir oft aus dem Freundeskreis attestierte „Hang zum Extremen“ dann ein …“

    So ein Blödsinn hab ich noch nie von einem gehört! 😉

    Aber was man sagen muss das laufen zwar immer noch suckt aber auch befreiend sein kann. Wenn man diese erste ekelhafte viertel Stunde hinter sich hat jetzt tatsächlich Flow Gefühl ein wo der Kopf sich einfach ausschaltet. Ich hoffe für mich das ich in 2016 meine beiden Füße wieder bekomme weil ohne laufen man halt nix ist.

    Gefällt 1 Person

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